Volkslieder: Voller Vielfalt, voller Einfalt, voller Weisheit.

Volkslieder spiegeln die Ausdruckskraft einer Volksseele, ihre Tiefe, ihren Reichtum. Wir finden sie in den carmina burana, also den Beurer Gesängen, in Des Knaben Wunderhorn, der legendären Liedsammlung der Romantiker, oder im Zupfgeigenhansl, dem Liederbuch der Wandervogelbewegung. An Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht oder der Blauen Blume, an deren Lebensauffassung und Geistigkeit, scheiterten und scheitern Nationalsozialisten. – Volkslieder vermitteln Lebensfreude, sie heilen und trösten und weisen den Weg zu unserem wertvollen Inneren.

Von Wir wollen zu Land ausfahren oder Hohe Tannen weisen die Sterne und anderen Liedern nehmen wahrscheinlich nicht wenige an. dass sie im Nationalsozialismus missbraucht worden wären. Doch weit gefehlt. Hohe Tannen zum Beispiel flog im Dritten Reich aus Schulbüchern heraus, weil es ein Lied der Bündischen war und zudem die Edelweißpiraten, eine Gruppierung der Bündischen im Widerstand eine eigene Strophe beifügte, die endete: Schlagt die Hitler-Jugend entzwei.


Davon und von vielem anderen erzählt das Video.


PS Um einem weit verbreiteten Irrtum entgegenzutreten: Gerade die bekannten deutschen Volkslieder wie Kein schöner Land oder Am Brunnen vor dem Tore oder Abend wird es wieder genügen einem hohen künstlerischen Anspruch. Dass scheinbar Einfaches einfach zu schreiben sei, ist eine völlig falsche Annahme.

Hier einige Materialien aus dem Video:

Der folgende Ausschnitt zeigt, warum ein Lied wie Wilde Gesellen vom Sturmwind durchweht nicht dem Material entsprach, mit dem Hitler und Konsorten arbeiten wollten:

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Ur-Thema unserer Kultur: Stille – die dreifach gefährliche und jene, welche uns in unsere innere Kammer führt. Zwei Videos.

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Ur-Thema unserer Kultur (I): Die dreifach gefährliche Stille

In diesem ersten Teil geht es um Menschen, die das Schicksal ignoriert, weil sie sich einer wahres Leben tötenden Stille hingeben; es geht ferner um die romantisch-gefährliche Stille einer Venus und Helena und um untere astrale Ebenen, deren wir uns bewusst sein sollten, um uns aus ihnen herausentwickeln zu können. Helfen können uns dabei Einblicke in Goethes Gedicht Meeresstille, Eichendorffs Novelle Das Marmorbild und Richard Wagners Tannhäuser-Oper, deren Held die Venus-Energie durchschaut ebenso wie Florio aus dem Marmorbild. – Die dunklen Muster der Stille und damit frühere Bewusstseinszustände der Menschheit sowie übernommene Muster aus unserer Kindheit dürfen wir überwinden.

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(II) Wanderer tritt still herein. Wege in unsere innere Kammer

.Die Welt als stille Kammer besingt Matthias Claudius. Diese stille Kammer gibt es auch in unserem Mikrokosmos, in uns. Sie zu finden ist ein lebenslanger Prozess. Er beinhaltet ein Bewusstsein von unserem wahren Vaterhaus, von Heimat und Heimkehr, beinhaltet auch, unterscheiden zu lernen zwischen einer Totenstille und einer heilsamen. Nur in der Stille finden wir das Wesen der Dinge, gelangen zu Wahrheit und Freiheit.

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Die großen deutschen Balladen: tiefgründig, wegweisend, heilsam

 

 

Volksballaden des ausgehenden Mittelalters, Kulturballaden, insbesondere auch Goethes und Schillers Ideenballaden, enthalten Werte und bilden Tugenden ab, die in unserer Gesellschaft in Vergessenheit geraten sind, u.a. Mut, Demut, Einfühlungsvermögen, Hilfs-, ja Opferbereitschaft: in Schule und Erziehung mögen sie wieder mehr Beachtung finden. – Für unsere Seelen sind Balladen eine wertvolle, heilsame Nahrung. – Das Video beginnt mit Günter Kunerts „Wie ich ein Fisch wurde“. Im Zentrum der Betrachtung steht Schillers „Der Taucher“, eine Ballade, die, wie kaum eine andere, Auskunft über die menschliche Seele, auch den dunklen König in uns gibt. Die Symbolik des Wassers spielt eine zentrale Rolle und damit unser Inneres: „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“. Was Goethe wusste, finden wir in Volksliedern (dazu in einem nächsten Video mehr), der Bibel und in vielen Mythen, ganz besonders eben auch in Balladen.

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18. Dezember 2018: „Wie ist die Welt so stille“ – Über die Kraft der Stille in Liedern, Gedichten und Novellen.

Liebe an dem Literaturkreis Interessierte,

leider ist zur Zeit nicht sicher, ob die Veranstaltungsreihe fortgeführt werden kann, da aus arbeitsrechtlichen Gründen die Stadt Bad Kissingen mich nicht ehrenamtlich „anstellen“ kann. Vielleicht findet sich eine Lösung; die Veranstaltungen im Januar und wohl auch im Februar müssen leider ausfallen. Dessen ungeachtet wünsche ich ein gutes neues Jahr! – Und nun zum Thema des 18. Dezember:

Stille hat, wie alles in unserem Leben, eine dunkle Seite: Es ist die trügerische Venus-Sphäre, wie sie Wagner in der Tannhäuser-Oper gestaltet hat oder Eichendorff in seiner Marmorbild-Novelle; mit Vergangenheit hat sie zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, mit Wollust, an der Leben erstickt. Die Liebe einer Circe oder Loreley reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer ihr wie ein Don Juan verhaftet bleibt, ist ewig auf der Suche. In Volksliedern und Gedichten sind es die Wasserfrauen und -männer, die ihre Opfer unter Wasser ziehen. Auch Günter Kunerts Ballade Wie ich ein Fisch wurde berichtet davon. – Zunächst aber wollen wir uns ihrer wertvollen, heilsamen Seite zuwenden:

Die beiden folgenden Texte sind aus einem Buch, das es leider nur noch antiquarisch gibt: Weißt Du das die Bäume reden. Weisheit der Indianer. Wien 1985,

Erziehung zur Stille, zum Schweigen begann schon sehr früh. Wir lehrten unsere Kinder, still zu sitzen und Freude daran zu haben.
Wir lehrten sie, ihre Sinne zu gebrauchen, die verschiedenen Gerüche aufzunehmen, zu schauen, wenn es allem Anschein nichts zu sehen gab, und aufmerksam zu horchen, wenn alles ganz ruhig schien. Ein Kind, das nicht stillsitzen kann, ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben.
Übertriebenes, auffälliges Benehmen lehnten wir ab, und ein Mensch, der pausenlos redete, galt als ungesittet und gedankenlos. Ein Gespräch wurde nie übereilt begonnen und hastig geführt. Niemand stellte vorschnell eine Frage, mochte sie auch noch so wichtig sein, und niemand wurde zu einer Antwort gezwungen. Die wahrhaft höfliche Art und Weise, ein Gespräch zu beginnen, war eine Zeit gemeinsamen stillen Nachdenkens; und auch während des Gespräches achteten wir jede Pause, in der der Partner überlegte und nachdachte. Für die Dakota war das Schweigen bedeutungsvoll. In Unglück und Leid, wenn Krankheit und Tod unser Leben überschatteten, war Schweigen ein Zeichen von Ehrfurcht und Respekt, ebenso, wenn uns Großes und Bewundernswertes in seinen Bann schlug. Für die Dakota war das Schweigen von größerer Kraft als das Wort.

Luther Standing Bear (1868-1939), der Obiges schrieb, hatte  das Erziehungs- und Schulsystem der weißen Amerikaner am eigenen Leib erfahren müssen. Indianerkinder, die ihre eigene Sprache verwendeten, wurden hart betraft. Standing Bear betonte in seinen Schriften – dieser Auszug entstammt seinem Buch Land of the Spotted Eagle – die Freundlichkeit seines Volkes Kindern gegenüber. Er war überzeugt, dass nicht nur die Indianer von den Weißen, sondern auch die Weißen von den Indianern lernen können. Die weißen Amerikaner, die die indianische Kultur ablehnen und ihr verständnislos gegenüberstehen, berauben sich selbst, meinte er. – Die folgende Aussage ist von einem Arzt und Schriftsteller der Dakota mit Namen Ohiyesa:

Wenn du den Indianer fragst: „Was ist Stille?“, wird er dir antworten: „Das Große Geheimnis. Die heilige Stille ist seine Stimme.“ Und wenn Du fragst: „Was sind die Früchte der Stille?“, so wird er sagen: “Selbstbeherrschung, wahrer Mut und Ausdauer, Geduld, Würde und Ehrfurcht.“
„Hüte Deine Zunge in der Jugend“, sagte der alte Häuptling Wabashaw, dann wirst Du vielleicht im Alter deinem Volk einen weisen Gedanken schenken.“
…………….

Und in Michael Endes Roman Momo lesen wir:

Momo hörte allen zu, den Hunden und Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise.
An manchen Abenden, wenn ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille.
Dann kam es ihr so vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.

In der Folge habe ich einige weitere prägnante Aussagen zum Thema Stille zusammengestellt; jede für sich stellt für mich eine Weisheit dar und wenn Zeit und Stille möglich ist, lohnt es sich, sie in Ruhe zu lesen:

Die Seele hat sich mit den Kräften nach außen zerspreitet und zerstreut, so sagt der deutsche Mystiker Meister Eckehardt (1260 – 1327), in gleichem Maße sind sie schwächer, inwendig ihr Werk zu treiben. Denn jede zerspreitete Kraft ist unvollkommen. Darum: will sie inwendig eine kräftige Wirksamkeit entfalten, so muß sie alle ihre Kräfte wieder heimrufen und sie aus den zerstreuten Dingen heraussammeln in ein inwendiges Wirken.

Die größte Offenbarung ist die Stille.
Laotse (vermutlich 6. Jh. v. Chr.)

Wenn alles still ist, geschieht am meisten.
Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

Wer die Stille nicht erträgt, erträgt auch nicht sich selbst.
(Anke Maggauer-Kirsche (*1948), deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und ehemalige Betagtenbetreuerin in der Schweiz)

Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille. (Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Freitod)

Es ist diese tiefe Stille, die Matthias Claudius anspricht: Wie ist die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle / so traulich und so hold (…)

Diese Stille gibt es auch im Sommer, aber da ist sie ungeheuer schwer wahrzunehmen. Wir empfinden sie vor allem im Winter, bevorzugt in der Stillen Nacht, in der Heiligen Nacht. Es ist die natürliche Stille der Hirten, die anbetende der Weisen, die demutsvolle des Stalls, wo kein Pomp lärmt.
Insbesondere Weihnachtslieder, aber auch Volkslieder nehmen auf ihre schlichte Weise diese Stille wahr:

Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin;
Deines Schöpfers weiser Wille
Hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein!
Und dein Schimmer gieße Frieden
In’s bedrängte Herz hinein! (Version von Karl Enslin, 1851)

Im sogenannten Pommernlied [Pommern war der Name eines früheren Herzogtums und später einer preußischen Provinz im Nordosten Deutschlands und Nordwesten Polens] heißt es:

Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn,
bringen frohe Kunde Geister ungesehn,
reden von dem Lande meiner Heimat mir,
hellem Meeresstrande, düsterm Waldrevier.

Dieses Wenn zu Beginn ist nicht oder nicht nur zeitlich gemeint, sondern es weist auch auf die Bedingung hin; diese Träume gibt es nur in stiller Stunde. Und genau darin besteht auch die Weisheit eines Paul Gerhardt, der in einer zum Volkslied gewordenen Strophe weiß:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Was die meisten Menschen nicht beachten: Zum einen, wenn es im Außen still wird,  aber auch im Schlaf geht das Ich des Menschen auf Entdeckungsreise. In der Stille der Nacht, in der Stille des Schlafes sind unsere Sinne kosmisch unterwegs; dann beginnen siw genau das, was ihrem Schöpfer wohlgefällt. Einer wie Mörike hat unbewusst  darüber geschrieben, wenn er in seinem Gedicht An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang  mitteilt, welchen Kräften und Reichen er im Schlaf begegnete, und was leider bald der Tag, das Tagesbewusstsein verscheuchen wird:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ists, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.
Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Es ist kein Wunder, dass Paul Gerhardt von den Sinnen spricht, die tun, was unserm Schöpfer wohl gefällt und Mörike in diesem Zusammenhang der Hirtenflöten Gesänge und die Krippe der Wundernacht anspricht.

Es ist auch kein Zufall, dass es im Pommernlied in der dritten Strophe in Bezug auf die Heimat, also das Pommerland heißt:

Aus der Ferne wendet sich zu dir mein Sinn,
aus der Ferne sende trauten Gruß ich hin.
Traget, laue Winde, meinen Gruß und Sang;
: wehet leis und linde treuer Liebe Klang. :

Die Heimat ist fern, unsere irdische wie auch unsere geistige, und genau aus diesem Bewusstsein heraus singt eine Ottilie im 25. Kapitel des Romans Godwi, den Clemens Brentano schrieb, diesem Godwi zu, in Versen, die zu einem der bekanntesten Gedichte der Romantik geworden sind, hier die ersten Strophen:

…….Sprich aus der Ferne
…….Heimliche Welt,
…….Die sich so gerne
…….Zu mir gesellt.

Wenn das Abendroth niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze stillleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

…….Wehet der Sterne
…….Heiliger Sinn
…….Leis‘ durch die Ferne
…….Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Thränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

…….Glänzender Lieder
…….Klingender Lauf
…….Ringelt sich nieder,
…….Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

…….Wandelt im Dunkeln
…….Freundliches Spiel,
…….Still Lichter funkeln
…….Schimmerndes Ziel.

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Natürlich dünkt uns diese heimliche Welt weit entfernt. Und natürlich hat Stille in der Romantik die Bedeutung, diese heimliche Welt hören zu können.
Woher kommt dieses Sprechen der heimlichen Welt denn genau?
Antwort gibt ein Dichter, der wie kaum ein zweiter spirituell war, Novalis: Er schreibt in seinem Blütenstaub-Fragment Nr. 18:

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, ein­sam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

Es war im Übrigen ein Mann namens Winckelmann, dessen lebenslangem Drang, sich mit der Antike zu beschäftigen wir jene Aussage über die antike Kunst verdanken, die uns bis heute geprägt hat, wenn er von deren stiller Einfalt und edlen Größe spricht.

Seitdem sind stille Einfalt und edle Größe Charakteristika einer hohen Seele.

Wir wissen um die Bedeutung der Stille und wie sehr gerade sie zu Größe und Kraft führen kann im Übrigen schon seit 2700 Jahren, damals wirkte der Prophet Jesaja, bei dem es heißt:
Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. (Jes. 30,15)
Und klarer könnte die Bedeutung der Stille noch sein, wenn Luther den 23. Psalm nicht übersetzt hätte:
(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Denn eigentlich muss es laut dem Original heißen:

(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum stillen Wasser – zum Wasser am Ruheplatz, wie manche Übersetzungen formulieren.

Warum auch die angeblich gründlich überarbeitete Lutherbibel 2017 diese fehlerhafte Übersetzung weiter in die Welt setzt, ist mir ein Schleier, wie mir genauso schleierhaft ist, dass nicht nur die Lutherbibel, sondern auch andere Übersetzungen das Vater unser falsch übersetzen, wenn sie permanent formulieren: Vater unser, der du bist im Himmel, wo doch der griechische Text klar und deutlich formuliert: Vater unser, der du bist in DEN HIMMELN (tois ouranois)

Man möchte das folgende Gedicht fast als heiliges Gedicht bezeichnen; es ist von Karl May, dem berühmten Schöpfer von Old Shatterhand und Winnetou und Kara Ben Nemsi Effendi. Wie beispielsweise Wilhelm Busch eine tief spirituelle Seite hatte, die man kaum kennt, so hatte sie auch Karl May:

Wie das Meer

Sei still in Gott, still wie das Meer!
Nur seine Fläche streift der Wind,
und tobt als Sturm er noch so sehr,
wiß, daß die Tiefen ruhig sind.

Sei weit in Gott, weit wie das Meer!
Es wogt nicht bloß am heim’schen Strand,
und wird dir’s auch zu glauben schwer,
wiß, drüben gibt’s doch wieder Land.

Sei tief in Gott, tief wie das Meer!
Nach dort, wo dich die Welt vergißt,
sei dein Verlangen, dein Begehr,
wiß, daß die Tiefe Höhe ist.

Ja, sei, mein Herz, stets wie das Meer
in Gott so still, so tief, so weit!
Dann landest du nicht hoffnungsleer
am Küstensaum der Ewigkeit.

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Neben Brentano, in dessen Roman Godwi das Wortfeld der Stille über 150-mal anzutreffen ist, wären natürlich weitere Romantiker zu nennen wie Eichendorff, in dessen Novelle Das Marmorbild das Wortfeld der Stille über 60-mal auftaucht – bei etwas mehr als 40 Reclam-Seiten Umfang durchaus eine respektable Menge, oder auch Dichter wie Goethe, den man mit der Aussage zitieren mag:

Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

bzw. Autoren wir Rilke und andere.

Am meisten aber beeindruckt mich, wenn Hölderlin von Stille spricht – Das Wortfeld der Stille (also in Form von Verb, Adjektiv oder Substantiv bzw. Wortzusammensetzungen) ist bei Hölderlin unentwegt anzutreffen, in manchen Gedichten mehrfach:

Man spricht bekanntlich gern von dem armen Hölderlin. Das geht vielleicht auf ein Schreiben der Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg zurück – sie nannte Hölderlin „Holterling“ -, die am Abend des 11. September 1806 schrieb:

Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern
zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.

Dabei gibt es kaum einen, der innerlich reicher war als dieser arme Holterling, der noch vor der Mitte seines Lebens (1770 geboren, 1802 von Frankreich zurückkehrend erste deutliche Anzeichen, 1806 Tübinger Klinik) geisteskrank wurde. Vielleicht so reich, dass er diesen Reichtum nicht mit normalem menschlichenn Bewusstsein fassen und erfassen konnte – vermutlich würde es ihm heute anders ergehen, da das menschliche Bewusstsein, allen Unkenrufen zum Trotz, sich weiterentwickelt hat.

Sicherlich gibt es für seine Geisteskrankheit nicht nur einen Grund. Natürlich mag eine Rolle gespielt haben, dass er den Verzicht auf seine Diotima – die Frau des Frankfurter Bankiers Gontard, Susette Gontard, deren Kinder er als Hauslehrer unterrichtete; hier ihre Briefe an ihn – nie verkraftet hat und, als er schon verwirrt und in aufgelöstem Zustand am 7. Juni 1802 den Rhein nach seinem Frankreichaufenthalt überquerte, ihren frühen Tod wenige Tage später, am 22. Juni, vorausahnte. Gewiss ist es nicht so, wie ein berühmter Hölderlinforscher – Pierre Bertaux – vermutet hat, dass er seine Geisteskrankheit nur gespielt habe; dazu sind die Aufzeichnungen über die Behandlung in der Tübinger Klinik, in die ihn ein Freund, als er sich nicht mehr zu helfen wusste, einliefern ließ, zu dramatisch.

Stille war bei ihm immer wieder mit Freude verbunden und mit Frieden. Stille beinhaltete für ihn das Wissen, dass es bei allem Leid, das es auf unserer Erde gibt, immer auch dessen Überwindung gibt, eine Mitte zwischen Freud und Leid, einen Raum der Stille, einen göttlichen Raum, den göttlichen Weltinnenraum, um eine Vokabel Rilkes aufzugreifen, den er vielfach übrigens in der Natur fand.

Wie kaum ein anderer Dichter hat Hölderlin Bezug genommen auf seine heimatliche Landschaft; seine Gedichte über den Rhein, den Neckar, Stuttgart, Heidelberg und die Donau geben ein beredtes Zeugnis. Landschaft war für ihn immer auch Seelenlandschaft, auch wenn er sie ganz selten selbst transzendiert. Es gibt für mich keinen Dichter, bei dem Landschaft und Natur spürbar mittels seiner Worte zu solch einem heiligen Raum wird. In seiner Ode Die Heimath (erste Fassung Mitte 1798) schreibt er:

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,
Von Inseln fernher, wenn er geerndtet hat;
So käm‘ auch ich zur Heimath, hätt‘ ich
Güter so viele, wie Laid, geerndtet.

Ihr theuern Ufer, die mich erzogen einst,
Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,
Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Die letzte Strophe dieses Gedichtes ist legendär, sie lautet:

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Laid uns auch,
Drum bleibe diß. Ein Sohn der Erde
Schein‘ ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Niemand sollte Hölderlin unterstellen, das Griechentum und die vielfach bei ihm vorkommenden griechischen Götter über das Christentum zu stellen, schließlich verabschiedete er sich von Hegel und Schelling, als ihre gemeinsame Tübinger Zeit zu Ende ging, mit der Losung Reich Gottes ins Leben; nein, Hölderlin schätzte nur das Bewusstsein der Griechen unglaublich hoch ein, zu Recht; seine Gedichte vermögen das zu belegen, u.a. Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter

Hölderlin war zeitlebens ein Wanderer zwischen den Welten und so nimmt es nicht wunder, dass es ein Gedicht mit dem Titel Der Wanderer gibt, aus dem ich eine beeindruckende Passage wiedergebe:

Seliges Tal des Rheins! kein Hügel ist ohne den Weinstock,
Und mit der Traube Laub Mauer und Garten bekränzt,
Und des heiligen Tranks sind voll im Strome die Schiffe,
Städt und Inseln, sie sind trunken von Weinen und Obst.
Aber lächelnd und ernst ruht droben der Alte, der Taunus,
Und mit Eichen bekränzt neiget der Freie das Haupt.
Und jetzt kommt vom Walde der Hirsch, aus Wolken das Tagslicht,
Hoch in heiterer Luft siehet der Falke sich um.
Aber unten im Tal, wo die Blume sich nähret von Quellen,
Streckt das Dörfchen bequem über die Wiese sich aus.
Still ists hier. Fern rauscht die immer geschäftige Mühle,
Aber das Neigen des Tags künden die Glocken mir an.
Lieblich tönt die gehämmerte Sens und die Stimme des Landmanns,
Der heimkehrend dem Stier gerne die Schritte gebeut,
Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein;
Satt vom Sehen entschliefs; aber die Wolken sind rot,
Und am glänzenden See, wo der Hain das offene Hoftor
Übergrünt und das Licht golden die Fenster umspielt,
Dort empfängt mich das Haus und des Gartens heimliches Dunkel,
Wo mit den Pflanzen mich einst liebend der Vater erzog;
Wo ich frei, wie Geflügelte, spielt auf luftigen Ästen,
Oder ins treue Blau blickte vom Gipfel des Hains.
Treu auch bist du von je, treu auch dem Flüchtlinge blieben,
Freundlich nimmst du, wie einst, Himmel der Heimat, mich auf.

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Wer Muse hat, diese Zeilen zu lesen – man wird an mancher Stelle verweilen wollen – mag einen tiefen Frieden spüren, der von ihnen ausgeht; ja, sie sind heilsam. Allein die letzte Zeile ist es so sehr.

Wer die Natur mit den Augen Hölderlins sieht, begreift sie als göttliches Kunstwerk:

Wenn aber die Himmlischen haben
Gebaut, still ist es
Auf Erden, und wohlgestalt stehn
Die betroffenen Berge

so heißt es in einem Fragment gebliebenen Gedicht. Und in einer ganz ähnlichen Atmosphäre beginnt eine seiner letzten großen Hymnen, Die Friedensfeier:

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal;

In ihrer Mitte lesen wir:

Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;

und gegen Ende hin, in der 7. von insgesamt neun zumeist fünfzehnzeiligen Strophen heißt es:

Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.
Und einer, der nicht Fluth noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jezt
Da Herrschaft nirgends ist zu sehn bei Geistern und Menschen
( . . . )

Hölderlin, dieser wunderbare Mensch, hat sogar ein 24 Strophen umfassendes Gedicht mit dem Titel Die Stille verfasst, ich zitiere die erste Strophe

Die du schon mein Knabenherz entzücktest,
Welcher schon die Knabenträne floß,
Die du früh dem Lärm der Toren mich entrücktest,
Besser mich zu bilden, nahmst in Mutterschoß,

und die fünf letzten, deren Verszahl – das sei vorsichtshalber angemerkt – unregelmäßig ist:

Schön, o schön sind sie! die stille Freuden,
Die der Toren wilder Lärm nicht kennt,

Schöner noch die stille gottergebne Leiden,
Wann die fromme Träne von dem Auge rinnt.

Drum, wenn Stürme einst den Mann umgeben,
Nimmer ihn der Jugendsinn belebt,
Schwarze Unglückswolken drohend ihn umschweben,
Ihm die Sorge Furchen in die Stirne gräbt,

O so reiße ihn aus dem Getümmel,
Hülle ihn in deine Schatten ein,
O! in deinen Schatten, Teure! wohnt der Himmel,
Ruhig wirds bei ihnen unter Stürmen sein.
Und wann einst nach tausend trüben Stunden
Sich mein graues Haupt zur Erde neigt
Und das Herz sich mattgekämpft an tausend Wunden
Und des Lebens Last den schwachen Nacken beugt:

O so leite mich mit deinem Stabe –
Harren will ich auf ihn hingebeugt,
Bis in dem willkommnen, ruhevollen Grabe
Aller Sturm, und aller Lärm der Toren schweigt.

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Wenn Hölderlin von Stille spricht oder das Wortfeld verwendet, so glaubt man zu spüren, dass es sich auf jenen Zustand beseligter Stille bezieht, den wir in Elysium, dem Raum und Zustand der Unsterblichen finden. Unsterblich sind nicht nur die Götter, sondern auch wir. Dem Zweifelnden mag es offenbar werden, wenn wir gestorben sind und sehen, dass es ein Leben nach dem Leben gibt und ein Leben vor dem Leben, einen Zustand, den die indische Weisheit Devachan nennt, einen Zustand weitgehender Seligkeit. Stille weiß um diese seelische Verfassung; auf sie bezieht sich Hölderlin ahnend. Deshalb schreibt er im seinem Roman Hyperion oder der Eremit in Griechenland, entstanden 1797 – 1799:

Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.

—-

Stille hat, wie alles in unserem Leben, auch eine dunkle Seite, und wir verdanken den Balladen und Volksliedern, dass sie entsprechende Stoffe überlieferten, bis in der Epoche der Romantik dieses Thema der dunklen Seite der Stille so gehäuft aufgegriffen wurde, dass man nicht umhin kam und kommt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Dadurch, dass dies geschehen ist, sind beide Seiten klarer geworden, sowohl die dunkle also auch die helle, so dass wir, obwohl er dieser Phase der Literaturgeschichte, der Romantik also, ein wenig vorausging – wobei er in seiner fast weltweiten Sonderstellung ohnehin ihr nicht zugeordnet werden kann – nun Hölderlins Stille in ihrer Helle wahrnehmen können, wie wir auch die dunkle besser konturieren, fassen und erfassen können.

Auf einer äußerlichen Ebene – doch denken wir daran, dass alles Vergängliche (und vor allem das Äußerliche ist vergänglich) nur ein Gleichnis ist, wie es Goethe im Faust formulierte – können wir Gedichtverse dieses Mannes wie die folgenden finden:

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Was für eine äußere Wirklichkeit gilt, gilt ebenso für eine innere und niemand hat das besser zum Ausdruck gebracht als jener zeitgenössische Autor, den wir an dem Balladen gewidmeten Abend mit seinem Gedicht Wie ich ein Fisch wurde kennengelernt haben – aus gutem Grund:

Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloss ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepasst.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

.

Günter Kunert macht sogar deutlich, dass diese Stille, diese Trägheit, in der man so vor sich dahindümpelt, wie wir Menschen das nunmal gern tun, einem Zustand gleicht, der nicht dem Menschsein entspricht, sonst könnte er nicht davon sprechen, dass man wieder zum Menschen wird, wenn man aus diesen Tiefen, die so träge machen und dies über einen durchaus langen Zeitraum – vielleicht über mehrere Leben, vielleicht über Jahrzehnte (es ist nie zu spät aufzuwachen) – wieder auftaucht.

Denken wir an Odysseus, jenen Griechen, der im Altertum den Menschen verkörpert, der in seine Heimat will. Es waren seine Gefährten, die ihn dem Zauber der Circe entrissen. Odysseus wäre der trägen Tiefe einer Circe nicht entkommen, weil sie ihn so becirct hatte, dass er nicht merkte, wie er sein Ziel aus den Augen verlor, ein Bewusstseinszustand, der im Übrigen auch durch die zweite Station bzw. das zweite Abenteuer der Heimreise bereits widergespiegelt wurde, als Gefährten des Odysseus die Heimat vergaßen, weil sie von den Früchten der Lotophagen, dem Lotos, ähnlich süß wie Datteln und zur Gewinnung von Wein bestens geeignet, gekostet hatten, glückselig berauscht ganz und gar ihr Ziel vergaßen und mit Gewalt auf die Schiffe gezerrt werden mussten. Ob wir nun lotophagen- sprich kokain-, hasch- oder alkoholmäßig oder in einer circensischen Situation – hätte ich fast gesagt – becirct sind, der Heimat gehen wir auf jeden Fall verlustig, und es mag so schön ruhig und friedlich und still in uns sein, es ist eine tödliche Stille. – Es ist, klipp und klar ausgedrückt, der Tod im Leben. Keine Luft von keiner Seite! / Todesstille fürchterlich! – Im Inneren jedenfalls, auch wenn so viele Menschen so viel Lärm im Außen machen. Gerade deshalb machen sie es: ständiger Karneval, um die Todesstille nicht zu hören!

In einem Gedicht von Joseph von Eichendorff – überschrieben Nachtzauber – treffen wir diese tödliche Stille an, obwohl sie uns fast harmlos erscheinen will:

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du´s oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen-
Komm, o komm zum stillen Grund!

.

Hinter den in der ersten Strophe angesprochenen Marmorbildern verbirgt sich die göttliche Venus, jene Gestalt, die Menschen von der wahren Liebe abzieht in eine, die einer Abhängigkeit gleichkommt. Es ist jene Liebe, die Tannhäuser in Wagners Oper Tannhäuser im unterirdischen Reich der Venus auslebt, wo die Zeit stillsteht; wenn er davon erzählen wird, wird er seine Zuhörer – und so reagieren wahrscheinlich die allermeisten Männer – förmlich eifersüchtig machen, wie es anlässlich des Sängerfestes auf der Wartburg geschehen wird. Doch Tannhäuser weiß, warum er sich von Venus trennt: Er sehnt sich nach Frühling, nach des Himmels Gestirnen, nach dem Klang der Kirchenglocken, nach wirklichem Leben. Später wird er, dem der Papst, als er zu jenem wallte, seine Venus-Vergangenheit nicht verzieh, auch erkennen, dass dem wollüstigen Reich der Venus eines entgegensteht, das er in Wahrheit anstrebt, das nämlich der heiligen Elisabeth, die sich seit beider Zusammentreffen auf der Wartburg verzehrte in Sehnsucht nach ihm. An ihrem Sarg sterbend erkennt Tannhäuser ihre große Liebe.

Es ist die trügerische Venus-Sphäre, die mit Vergangenheit zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, in der Novelle Das Marmorbild mit einem steinernen Standbild, das im Frühling zum Leben erwacht und als heidnische Göttin, als Venus, Menschen in ihren unguten Bann zieht. Diese Liebe reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer sich von ihr nicht löst ist wie ein Don Juan, ist ewig auf der Suche nach dem, um was es im Eigentlichen geht und dem er nicht näher kommt trotz allem (äußeren) Lust-Furor, in den er sich immer wieder stürzt.

So fällt auch Heines Rheinschiffer einer Loreley zum Opfer: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin. – Solche Weiblichkeit braucht Männer, die nicht wissen, was es bedeuten soll und die Fragen danach gar nicht stellen.

In zahlreichen Märchen, Geschichten und Gedichten klingt dieses Thema mehr oder weniger deutlich an, beispielhaft sei hier nur verwiesen auf Hans Christian Andersens Die kleine Seejungfrau, auf Wolf Biermann Ballade von Leipzig nach Köln, auf Antonín Dvořáks Rusalka, Johann Wolfgang von Goethes Der Fischer oder auch Die neue Melusine, einer Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre, auf Heinrich Heines Loreley, auf Franz Kafkas Das Schweigen der Sirenen, Rainer Maria Rilkes Insel der Sirenen oder auch Kurt Schwitters Die Nixe – diese Aufzählung wäre leicht um einige weitere Beispiele fortsetzbar – offensichtlich ist, wie sehr dieses Thema Menschen beschäftigt, betrifft! Mehr zu ihm ist in Beate Ottos Buch mit dem Titel Unterwasser-Literatur. Von Wasserfrauen und Wassermännern zu finden.

Zumeist geht es um ein Rückwärts-Fallen ins Elementare eines unbewussten bzw. wenig bewussten Lebens, auch wenn es manchmal märchenhaft verbrämt ist oder mit einem offenen Schluss versehen, der über das weitere Leben nichts aussagt, aber doch eigentlich keinen Zweifel über die Qualität der weiteren Existenz lässt wie z.B. in Goethes

Der Fischer

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

Unter geschlechtlich umgekehrten Vorzeichen verweist das Volkslied Es freit ein wilder Wassermann auf ein vergleichbares Geschehen.

In dieser Existenzweise geht es um ein Leben bzw. Geschehen unter Wasser, verwiesen sei auf den Taucher, auf Petrus, der auch dort hätte landen können oder auf Kunerts Wie ich ein Fisch wurde.
Nicht immer findet man unter Wasser, in dieser abgedunkelten Welt, einen Ring, wie Schillers Taucher. Oder man findet ihn und diese reduzierte Welt, in der Liebe nicht gelebt werden kann, wie in Schillers Ballade in Gestalt einer Königstochter, die sich ihrem Vater und damit dem Bann des dunklen Königs nicht entziehen kann, weiß einen wieder hinabzuziehen, oft dann eben endgültig.

Nicht von ungefähr sind in der Bibel gleich zu Beginn der Schöpfungsgeschichte die Wasser geteilt in untere Wasser und obere Wasser. Deren tiefe Bedeutung mag nun klarer werden. Beide Ebenen sind seelische Bereiche und nur in den unteren Wassern zu leben bedeutet letztendlich, nicht Mensch zu sein.

Wenn Luther jene umstrittene Bibelstelle übersetzt mit Machet euch die Erde untertan, so ist damit auch gemeint, beider Wasserebenen Herr zu werden, was nicht bedeutet, sie zu unterjochen, sondern sie zu durchschauen und sich nicht von der unteren beherrschen zu lassen, sondern ihrer selbst Herr zu sein (auch die obere Wasserebene kann beherrschen, wie sie es mit jenen Menschen tut, die auf dieser Erde heilig sein wollen, obwohl sie es nicht sind – die Licht-und-Liebe-Fraktion der Esoterik wäre da zu nennen, mancher ach so fromme Christ oder Anthroposoph beiderlei Geschlechts).

Durch die Welt geht ein Riss, die einen leben unter Wasser, die anderen über Wasser, die einen in dunkler Stille, die anderen wollen nur in einer hellen und heilen Stille leben.

Heinrich Heine hat das in seinen Reisebildern so formuliert: „Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber daß die Welt selbst mitten entzwei gerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so muß es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden.“ Und Achim von Arnim sprach 1805 in seinem Aufsatz, der dem Ende des ersten Bandes von Des Knaben Wunderhorn beigefügt wurde, von dem „großen Riß der Welt, aus dem die Hölle uns angähnt.“ Sogar der ältere Goethe, ansonsten kein Freund zeitgenössischer Weltschmerz-Attitüde äußert 1813 in einem Brief an Zelter, daß „man in dieser jetzt zerrissenen Welt“ nicht mehr wisse, wem man eigentlich angehöre.

Diese Dissoziiertheit, diese Zerrissenheit wird oft in zwei Ebenen gespiegelt, dem, was unglücklich und leider oft abwertend als Heidentum bezeichnet wird und ein vorchristliches Stadium der Menschheit meint, und Christentum, wobei ich Christentum nicht mit Kirche verwechselt sehen möchte, denn die steckt meines Erachtens in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten zu oft noch im Heidentum fest – C.G. Jung hat dazu profund geschrieben -, sondern ich verstehe Christentum als einen Bewusstseinszustand, der Bewusstsein weg von den alten Göttern und den Mysterien hin zu jedem Einzelnen und seiner Verantwortung verlagert.
Zum stillen Grund hingegen sinkt, wer träge gleitet, wer Verantwortung delegiert, sei es an alte Götter, an das Geld, an Versicherungen, an Wohlstand und Bequemlichkeit.

Christentum impliziert für mich das paulinische Prüfet alles genauso wie das Begreifen des Lebens als Weg über Fußwaschung, Versuchung, Standhaftigkeit gegenüber dem Pharisäischem, Heilung, wo es geht, das Zurückweisen des Petrus als eines Satans, obwohl er gerade noch so heilig sprach, das Erzählen in Gleichnissen und das Verstehen des Lebens als Gleichnis – alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis (Goethe im Faust) – und das Erkennen, dass alles aus Geist entsteht und in Wahrheit besteht.

Im Übrigen sollte man die Stille, die Eichendorff in Mondnacht anspricht, obwohl auf Vorchristliches Bezug nehmend, keinesfalls der Venus-Ebene zuordnen. Von Uranos und Gaia kommen wir alle! Wir bedürfen des Mondes und der Sonne, wir bedürfen des unteren Wassers und des oberen Wassers –  wir bedürfen des „Heidentums” (ich mag dieses Wort nicht, zu oft wird es abwertend verwendet und betrifft doch unsere wertvolle Vergangenheit) und des Christentums, um heil zu werden.

Lassen wir uns durch Gottfried Kellers Nixe nicht verführen:

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet‘ sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

.

Fallen wir, wie gesagt, nicht auf diese jammervolle Nixe in Winternacht herein. Indem wir ihr mittlerweile unzeitgemäßes Spiel durchschauen, erlösen wir sie, erlösen sie in uns.

Ich möchte abschließen mit einem der schönsten Sätze, den es für mich in der Literatur gibt. Er findet sich am Ende einer Novelle, die ein Mann geschrieben hat, geboren 1805 in Böhmen, dessen Stil unter Germanisten durchaus umstritten war und ist. Unterstellt wurden vor allem seinem Altersstil zu viele Wiederholungen und eine oberflächliche Darstellungsweise. – Wissenschaftler tun sich nun einmal schwer, Leute so sein lassen, wie sie sind.

Zu einer Zeit, als noch an deutschen Schulen Novellen wie Theodor Storms Schimmelreiter oder sein Pole Poppenspäler, die Judenbuche der Droste und Gottfried Kellers Kleider machen Leute gelesen wurden, war Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall der Deutschen liebste Weihnachtsgeschichte.

Für unsere heute so aufgeregten Verhältnisse beginnt sie viel zu langweilig, als dass nicht viele sich gleich weiterklicken bzw. das Buch zuschlagen. Ein Fehler, wie sich herausstellen würde.

Der so langweilige Beginn lautet (Original Bergkristall ist wie gleich im Folgenden farblich abgesetzt):

Unsere Kirche feiert verschiedene Fe für michste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der Heilige Abend, der darauf folgende Tag der Heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht.
(…)
In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit weicher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade mitten in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein länglicher Kreis gestaltet ist. Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben.
Diese Häuser sind nicht bloße Landwirtschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind, und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken. Im Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem Dörfchen, die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern heraus kommen, und die im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhnlich, dass derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der Einsamkeit gewöhnter Mann wird, dass er nicht ungerne bleibt und einfach fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, dass der Pfarrer des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger Mann gewesen wäre.
Es gehen keine Straßen durch das Tal, sie haben ihre zweigleisigen Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause bringen, es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet oder gar ein Maler, der den kleinen, spitzen Kirchturm und die schönen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. (…)
Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg (…)

So geht das seitenlang. Will das heute noch jemand lesen?

Wer es dennoch tut, kann gar nicht anders als innerlich zur Ruhe zu kommen. Adalbert Stifter ist kein Erzähler, der das Innere seiner Personen ausleuchtet oder gar seziert wie Thomas Mann. Behutsam bleibt er zuallermeist im Außen und überlässt es dem Leser, sich vorzustellen, wie es den Menschen seiner Erzählung in ihrem Inneren ergeht.
Wenn dies seine Oberflächlichkeit ausmachen sollte, gestehe ich, ist sie mir zutiefst sympathisch, denn, was mir nach einer solchen Lektüre vor allem bleibt, sind ihre Bilder in meinem Inneren. Und Bergkristall ruft viele hervor und hinterlässt ganz und gar eindrückliche.

Stifter nimmt seinen Leser an die Hand; irgendwann stehen wir dann auch mitten in Gschaid und wenden unseren Blick gegen Mittag, also gegen Süden zu einem Schneeberg mit Namen Gars hin, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüsste, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat.

Über einen Hals, also einen mäßig hohen Bergrücken, mit seiner Unglückssäule, errichtet zum Gedenken an einen dort verstorbenen Bäcker, gelangt man seitlich des Schneeberges entlang in ein anderes Tal mit einem stattlichen Marktflecken namens Millsdorf, dessen Bewohner viel wohlhabender sind als die von Gschaid. Es vergehen allerdings oft Monate, manchmal ein Jahr, bevor ein Bewohner von Gschaid nach Millsdorf kommt. Umgekehrt ist das so gut wie nie der Fall.

Wer im Übrigen jetzt noch liest, liebt es, ja genießt es vielleicht sogar, sich zu den Beschreibungen des Autors eigene Bilder zu machen oder er genießt, vielleicht, ohne es selbst zu bemerken, dass sich die Seele angesichts solch ungewohnter langen Weile wohlig auf dem inneren Sofa ausstreckt und einfach weiterliest.
Die ersten zehn der 60 (Reclam-)Seiten sind schlicht Landschaftsbeschreibungen obiger Art und erst nach 12 Seiten wird die erste Person erwähnt, der Schuster von Gschaid, dessen Haus auf dem Platz steht, wo sich die besseren Häuser befinden.
Jener Platzschuster war in seiner Jugend ein Gemsewildschütze gewesen und hatte überhaupt, wie die Gschaider sagen, nicht gutgetan. Er war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefasst waren und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen eines guten Schützen erworben.
Doch dieses Wesen sollte sich ändern, nachdem er ein Auge auf die schöne Tochter des Färbermeisters von Millsdorf geworfen hatte. Zunehmend wurde er arbeitsam, und nach dem Tod seiner Eltern, durch welchen ihm deren Haus zugefallen war, legte er es darauf an, ein exzellenter Schuster zu werden. Tatsächlich erarbeitete er sich einen Ruf, so dass Leute sogar von weiters herkamen, um sich Schuhe von ihm anfertigen zu lassen, dergestalt dem ziemlich eigenwilligen und vierschrötigen Millsdorfer Färber schließlich nichts anderes übrig blieb, als in die Heirat seiner Tochter mit dem Schuster aus Gschaid einzuwilligen.
Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Konrad und Susanne, die nur Sanna gerufen wurde, und weil schon ihre Mutter nie so recht sich als Millsdorfer Färberstochter in das Dorf Gschaid hatte hineinleben können, gelang dies den Kindern auch nicht so recht, zumal sie immer wieder zur Großmutter und zum Großvater nach Millsdorf wanderten und sich dort aufhielten. Oft wanderten sie den mehrstündigen Weg an einem Tag hin und zurück.
So geschah es auch an einem Weihnachtstag. Die Mutter befand das Wetter für annehmbar und sie entließ die Kinder mit dem Auftrag, Mutter und Vater zu grüßen und sagt, sie sollen recht schöne Feiertage haben (…)
Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegengegangen, fasste Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie in die Stube.
Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ließ in dem Ofen nachlegen und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.
Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, dass ihr wieder gekommen seid; aber heute müsst ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht«, sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müsst ihr euch sputen, dass euch gegen Abend nicht zu kalt wird«, antwortete die Großmutter.“
Was die Gute nicht wusste: In der kommenden Nacht sollte es den beiden sehr kalt werden und das, obwohl sie die Großmutter rechtzeitig auf den Rückweg schickte.
Zunächst setzte sanfter Schneefall ein und die Kinder genossen es, den Boden immer bedeckter mit dem Weiß des Schnees zu finden. Doch der Schneefall verstärkte sich.
Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die Unglücksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite sich hinunterwenden musste.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr«, sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, dass wir sie wegen des Schneiens nicht sehen können«, antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen, vielleicht erblicken wir etwas.«
Keine Frage, die beiden waren im dichten Schneefall vom Weg abgekommen.
Wie im Folgenden der Knabe seine Schwester dick einpackt, ihr einen Teil seiner Kleider gibt. Wie die beiden, ohne es zu wollen, immer tiefer ins Hochgebirge hineinlaufen und vor allem das Mädchen so klaglos dem Bruder folgt, immer tapfer die kleinen Füßchen hebend, ihrem Bruder, der nie verzagt. Wie beiden eigentlich klar wird, dass sie hoffnungslos über Geröllfelder und durch Eisbrocken laufen, die mit Schnee überzogen sind: Adalbert Stifter liefert hier ein Meisterwerk einer zunehmend existentiellen Steigerung ab, die den Leser zutiefst mitzunehmen vermag, sind es doch Kinder, die hoffnungslos herumirren. Und das an Heiligabend.
Wenigstens hatte der dichte Schneefall aufgehört.
Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und feingeschliffen, als wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.
Eine gütige Hand mag sie zu einem Häuschen geführt haben, einer Hütte aus Stein, nach vorne offen, aber an den Seiten geschützt, die sie auf einmal vor sich sehen. Dort finden sie Unterschlupf, essen, was die Großmutter ihnen so fürsorglich mitgegeben hatte und sprechen sich Mut zu. Doch sind sie keineswegs außer Lebensgefahr:
»Sanna, du musst nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muss man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne dass jemand gewusst hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen«, sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht«, sagte er.
»Nein«, lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, dass ihn friere und dass sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, dass es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad«, antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf«, rief er.
»Die Pelzjacke ist warm«, sagte sie.
»Ich werde dir empor helfen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte sie und war stille. (…)
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff so lange, bis er das Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen Kaffeeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu Sanna und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert nicht.«
»Nimm nur etwas«, sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, dass sie das fast eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen, wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, dass sie friere, dass es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Füße gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander. (…)
Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrornen Eschenjägers vor Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Tätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung herbeizogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welcher imstande war, dem Schlafe zu widerstehen.
In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzweigesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle Äderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen und schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblassten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floss. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floss helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach und nach wurde es schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten und nie ein Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die anderen standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an«, sagte der Knabe.
»Ja, Konrad«, antwortete das Mädchen.
Wie durch ein Wunder überleben die Kinder diese Nacht im Hochgebirge und dazu trägt bei, dass sie am Himmel eines Lichtes gewahr werden, das vor ihren Augen zunehmend erblüht.
Am Morgen setzen sie ihren Weg fort, doch führt er sie nicht aus den Eiswüsten hinaus.
Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel.
Sie gingen dessohngeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wussten nicht, wie das Eis daher gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, dass sie auf glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten und die sie wieder zu klettern zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Eis war gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie unzählige vorwärtsgehende geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis.
Was sie nicht wissen, ist, dass mittlerweile zahlreiche Suchtrupps beider Dörfer am Berg sind und sie suchen.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Welle erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.
Auch hier bleibt Stifter sich treu. Er überlässt es dem Leser, in die folgenden Szenen einzutauchen, so, wenn die Mutter aufschreit und in den Schnee sinkt, als sie ihre Kinder Konrad und Sanna an den Händen ihrer Retter auf das heimatliche Haus zukommen sieht; wenn mit der Zeit all die anderen Suchenden einschließlich des alten Färbers, der von Millsdorf aus gesucht hatte, eintreffen; wenn das Glöcklein der Kirche von Gschaid läutet, das Hochamt verkündend, mit dem der Pfarrer gewartet hatte, und die Dorfbewohner, die noch unterwegs sind, auf die Knie sinken und beten.
In Gschaid wartete die Großmutter, welche herübergefahren war.
»Nie, nie«, rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da sich einige Nachbarn und Freunde in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte, sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.«

Einer der schönsten Sätze, die es für mich in Bezug auf Weihnachten und in der Literatur überhaupt gibt. Ein Zeugnis kindlicher Wahrheit, die vielleicht nur ein Kind erkennen kann.

.

Ich wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern unseres Kreises und allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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4. Dezember 2018: „Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt” – Christliche Spiritualität in Gedichten

Da in den Veranstaltungsprogrammen für den 18. Dezember eine Zeile fehlt, hier der gesamte Titel:

18. Dezember: „Wie ist die Welt so stille”
Über die Kraft der Stille in Liedern, Gedichten, Novellen

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Eine Bemerkung vorab: Als ich das Thema, wie es der Blogtitel vorstellt, und damit den Abend plante, hatte ich ziemlich klar im Kopf, wie ich ihn würde inhaltlich gestalten wollen und ihn Ende November fast fertig vorbereitet, als mir dringlicher wurde, doch auch spirituelle Gedichte von Zeitgenossen mit einbringen zu wollen. So schlug ich u.a. in Conradys dicker Gedichtanthologie nach und in Reich-Ranickis zehntem Band von 1000 Deutsche Gedichte und suchte die Blogger auf, die ich kannte und wusste, dass sie Gedichte veröffentlichen. – Klar sind die Gedichte aus Reich-Ranickis Gedichtsammlung nicht mehr die allerneusten, aber sie mögen doch wiedergeben, was in den letzten ein, zwei Generationen en vogue war. Was ich u.a. an zeitgenössischen „spirituellen“ Gedichten fand, findet sich im Folgenden.

Vorab aber möchte ich drei Gedichte einbringen, die als ein gewisser Maßstab für das gelten mögen, was mir als spirituelles Gedicht zusagt; Kriterium ist für mich – und das ist gewiss subjektiv -, ob ich dem jeweiligen Gedicht anzuspüren glaube, dass es aus tiefem Inneren geschrieben ist, von einem Menschen, dem ich eben auch eine gewisse Tiefe anzuspüren glaube.

Eines dieser Gedichte ist Bonhoeffers (1906 – 1945) weithin und früher vielfach auswendig gelerntes Von guten Mächten wunderbar geborgen, das viele sicherlich kennen und das er, ohne es zu wissen, zu seinem letzten Silvester schrieb, das er erleben durfte, bevor er im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde:

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

.

Das zweite ist von Reinhold Schneider, der nur knapp dem Schicksal Bonhoeffers entging. Sein 1936 geschriebenes Gedicht wurde 1941 veröffentlicht (wie mutig!). Es ist in Sonettform geschrieben, bestehend also aus zwei Quartetten und zwei Terzetten, eine Form, die spirituellen und tiefgehenden Inhalten sehr entgegenkommt:

Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug‘ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

.

Ein Sonett weist im ersten gegenüber dem zweiten Quartett gern Gegensätze auf (hier BeterTäter), die dann in den Terzetten oft in eine höhere Erkenntnis münden. Auch die Reimform ist mitunter ungewöhnlich, hier gleichen sich erstes und zweites Quartett; sie weisen einen umarmenden Reim auf; in den Terzetten reimen sich die entsprechenden Verse (abc – abc).

Das dritte Gedicht  ist von Ricarda Huch (1864-1947), Schriftstellerin, Philosophin, Historikerin.
Eine beispielhafte Information zu ihrem Leben aus Wikipedia vermittelt einen Eindruck von ihrer großen Persönlichkeit: >Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verweigerte Ricarda Huch eine von den Mitgliedern der Preußischen Akademie der Künste verlangte Loyalitätserklärung gegenüber dem neuen Regime mit der Begründung, dass sie „… verschiedene der inzwischen vorgenommenen Handlungen der neuen Regierung aufs schärfste mißbillige“.<   –  Mutig!

Ihr Werk Luthers Glaube finde ich absolut lesenswert und ich zitiere im Folgenden eine meiner Lieblingsstellen (man denkt unwillkürlich an den schweren Kelch, von dem Bonhoeffer spricht):

Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno [in Mozarts Zauberflöte; J.K.], nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Ihre tiefe Religiosität ist in all ihren Schriften spürbar, ganz besonders auch in ihrem folgenden Sonett:

Du warst in dieser götterlosen Zeit,
Wo trübe Träumer ohne Lichtgedanken
Wie leere Schiffe unterm Himmel schwanken,
Der Stern, der mich geführt hat und gefeit.

Die Spur, die du gegangen zu betreten,
Dass ich nicht irrte, war mein hohes Ziel.
Von irdischen Geschäften, Drang und Spiel
Trug mich empor das Glück dich anzubeten.

Wie nachts ein Segel steuernd heimatwärts
Der Leuchte zu die schweren Nebel spaltet
Und so gelenkt sich in den Hafen rettet,

Ging ich getrost, den Blick an dich gekettet,
Die Hände gläubig auf der Brust gefaltet,
Durch Flut und Dunkel an dein strahlend Herz.

.

Nun zu den Gedichten, die ich aufgrund meines Durchblätterns des zehnten Bandes von Reich-Ranicki rasch zu finden hoffte – was sich als ein Irrtum erwies, weshalb ich mir im Inhaltsverzeichnis einige anstrich, die aufgrund des Titels einen Spiritualitäts-Verdacht aufkommen lassen konnten – viel mehr als vier fand ich nicht; das erste im Folgenden:

Nicolas Born (1937 – 1979) Es ist Sonntag

Es ist Sonntag
die Mädchen kräuseln sich und Wolken
ziehen durch die Wohnungen –
wir sitzen auf hohen Balkonen.
Heute lohnt es sich
nicht einzuschlafen
das Licht geht langsam über in etwas
Bläuliches
das sich still auf die Köpfe legt
hier und da fällt einer
zusehends ab
die anderen nehmen sich
zusammen.
Diese Dunkelheit mitten im Grünen
dieses Tun und Stillsitzen
dieses alles ist
der Beweis für etwas anderes

.

Hadayatullah Hübsch (1946 – 2011), ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Aktivist der 68er-Bewegung und langjähriger Pressesprecher der Ahmadiyya Muslim Jamaat in der Bundesrepublik Deutschland e. V. hat das Gedicht Borns auf zwei Seiten interpretiert. Hübsch war in der Nuur-Moschee in Frankfurt Imam Dschuma (Leiter der Freitagspredigt). Mit bürgerlichem Namen Paul-Gerhard Hübsch, veröffentlichte er über 100 Bücher. Bei Wikipedia heißt es über ihn:

„Um 1970 erschienen noch unter dem Namen Paul-Gerhard Hübsch mehrere Gedichtbände bei Luchterhand, im Maro Verlag und in der Verlagsedition Dittmer. Acht Jahre war Hübsch für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig, die auch seine Gedichte veröffentlichte, bis er 1979 nach seiner Konversion zum Ahmadiyya-Islam eine bekannt gewordene Kündigung bekam, in der es zur Begründung heißt, Hübsch sei „eine außergewöhnliche, jeglichen bürgerlichen Rahmen des Abendlands sprengende Erscheinung“.

Er schrieb auch für Die Welt, die taz und die Süddeutsche Zeitung sowie diverse alternativen Literaturzeitschriften. Von 1991 bis 1998 war er dazuhin Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller in Hessen und arbeitete für den Ethikrat des Landes. Ein, wie es scheint, durchaus im Leben stehender Mann.

Zu Borns Gedicht nun schreibt Hadayatullah Hübsch bei Reich-Ranicki:

”Ich mag diese geheimnisvollen Stunden, denen Born auf der Spur ist, ich mag seine Traumwelt von morgen, die wir, ohne schlaflos zu sein, in diesen Zeilen wiederfinden. Es ist die gelebte, geliebte Vorstellung von den anderen Welten in uns und außer uns, die den Weg zeigen, zum Paradies. (…) Wer sich zusammennimmt, wird wieder ganz. Keine panische Krankheit befällt ihn. (…) Ich gehe mit Born, weil er mich an seinen feinfühligen Zeilen teilhaben lässt, weil er nicht aufhört zu sagen, dass wir auch morgen noch anwesend sein können. (…) Wir werden aufgefordert, den neuen Menschen in uns entstehen zu lassen. Wir werden die geflüsterte Nachricht von der Anderen Welt in uns aufnehmen und das Warten lernen.”

Weg zum Paradies? Ganzheit, der man zugeführt werden kann?
Ich lese bei Born gewiss von einem bläulichen Licht, das sich auf die Köpfe legt, aber auch von abfallenden Köpfen, von Leuten, die sich zusammennehmen, von Dunkelheit, Tun und Stillsitzen als einem Beweis für etwas Anderes. – Ich bin mir nicht sicher, ob Hübsch und ich dasselbe Gedicht gelesen haben 😦

Angekreuzt hatte ich mir auch Stadtkirche am Vormittag, geschrieben von Rainer Malkowski (1939 – 2003). Zunächst bei Berliner Zeitungsverlagen tätig, arbeitete er etliche Jahre in der Werbung und war zuletzt Geschäftsführer und Teilhaber einer großen Werbeagentur, bevor er sich nach frühen literarischen Versuchen ganz dem Schreiben widmete.
Bei Reich-Ranicki lese ich unter Stadtkirche am Vormittag folgende Malkowski-Zeilen:

Wer die Tür nicht festhält,
löst einen Schuss aus:
Totenstille danach im Kirchenschiff.

Die alte Frau in der letzten Bank,
vornübergenickt,
rührt sich nicht

Das Haus des Lebendigen –

erhellt durch eine Orange,
die in der Dämmerung allmählich
aus dem Einkaufsnetz der Frau
zu leuchten beginnt.

.

In einem Gedicht von Malkowski heißt es:
„So kann man leben: / jeden Tag ein paar Sätze aufschreiben. / Andere sind Arzt / oder fahren einen Omnibus“ (es geht mir selbst nicht um eine Wert-Bewertung dieser Tätigkeiten, nur dachte ich eigentlich schon, dass Schreiben mehr mit dem eigenen Inneren zu tun hat als Omnibusfahren).

Was mir auffiel:

Strophe 1: Mit 13 Worten erfasst und bringt Malkowski eine Situation auf den Punkt, die fast jeder kennt (ich erinnere mich an solche Schüsse).
Strophe 2: Kirchen sind immer wieder mal, wenn man sie beispielsweise auf der Durchreise betritt, totenstill, ja fast abweisend, nichtssagend (mir geht es so); leblos sind da, wirken da selbst Lebewesen, die sich dort aufhalten. – Das erfasst Malkowski mit wenigen Worten.
Strophe 3: Ein Versprechen, das sich subjektiv oft nicht einlöst. Wie gesagt, Kirchen können kalt und abweisend wirken bzw. sein. Ob Malkowski diese Zeile ironisch meint?
Strophe 4: Ausgerechnet Materielles wird an einem Ort wichtig (und fängt an zu leuchten), an einem Ort, der doch eigentlich Immaterielles betont sehen möchte.
Man könnte den Schluss auch als bewusst antireligiös gedacht lesen (nicht der Lebendige leuchtet, sondern eine Orange …) – um das selbst mit aller Vorsicht beantworten zu können, müsste man Malkowski oder zumindest weitere Teile seines Werkes kennen.

Die Frage, die sich mir aufgrund der Zeilen stellte:
*  Wenn ich in eine Kirche gehe: Will ich dann etwas finden, was ich nicht habe?
*  Oder will ich etwas finden, das ich eigentlich bei mir/ in mir habe?
….Was mir zu finden vor allem bzw. nur in der Kirche gelingt?

In der Kirche gewinnt im Gedicht auf einmal das Materielle Gewicht.
Es beginnt zu leuchten.
Die alte Frau ist sich dieses Leuchtens nicht bewusst.
Vielleicht wäre sie nicht so leblos, wenn sie wüsste, dass die Orange zu leuchten beginnt.
Vielleicht täte es ihr gut?
Ob dann auch ihr Seelisches zu leuchten begänne?

Das dritte Gedicht mit dem Titel Mit Blick auf den Kölner Dom ist von Doris Runge (*1943) verfasst. Die Überschrift erinnerte mich an den Anblick des Straßburger Münsters und Goethes Zeilen dazu – hier ein Auszug:

Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davortrat. Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, daß es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurückgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesengeist unsrer ältern Brüder in ihren Werken zu umfassen. Wie oft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfernungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit. Schwer ist’s dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhaben ist, daß er nur beugen und anbeten muß. Wie oft hat die Abenddämmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzähligen Teile zu ganzen Massen schmolzen und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir in leisen Ahndungen der Genius des großen Werkmeisters. Was staunst du? lispelt‘ er mir entgegen. Alle diese Massen waren notwendig.

Goethe schrieb seinen berühmten Aufsatz, um dem Baumeister des Domes, einem Erwin von Steinbach (um 1244 – 1318) Ehre zu erweisen.

Hier nun Doris Runges (*1943) Mit Blick auf den Kölner Dom

wir sehen nicht
was wir wissen
den doppellauf
der türme
den himmlischen
rücken küssen
wir frühstücken
apfel und ei
erkennen
daß wir im nebel
reisen müssen

.

Vielleicht liegt es noch an Malkowskis Schuss in der Kirche, dass ich bei doppellauf eher an den Doppellauf eines Gewehres dachte als an Dom-Türme – „Jagdlied” heißt allerdings auch der erste Gedichtband Doris Runges.
Bei dem himmlischen Rücken handelt es sich wohl um den des Partners oder der Partnerin – ob das lyrische Ich, das sich hier zu Wort meldet, ein Mann oder eine Frau ist, bleibt unklar.
Das Gedicht bezieht sich wohl auf einen Blick aus einem Kölner Hotelfenster, wobei man eben – siehe den Anfang – sich den Kölner Dom mit seinem doppellauf denken muss.

Keine Frage: Wirklichkeit fangen die zitierten Gedichte alle ein, jedes auf seine Weise, und man muss dieses Einfangen nicht beurteilen – wenn man sich auch einer gewissen Wertung wird vielleicht nicht enthalten können oder wollen . . . Sicherlich enthalten sie eine gewisse Spiritualität bzw. Anti-Spiritualität. Vermutlich aber bilden sie durchaus das Dichten in unseren Zeiten ab, wobei es auch Gedichte gibt wie Kunerts Wie ich ein Fisch wurde, eine Ballade (siehe den Balladenabend vor 14 Tagen), die ganz und gar unser Inneres anspricht.

Dome und Kathedralen sind vor Jahrhunderten geschaffen mit der Absicht, Himmlisches auf Erden abzubilden. Das ist sozusagen ein freimaurerisches Anliegen, denn den Freimaurern ging und geht es darum, das Leben auf Erden zu veredeln, einer höheren Bestimmung zuzuführen.

Die oft zu findenden Doppeltürme der Dome und Kathedralen (Runge spricht von doppellauf) – selbst das Straßburger Münster hätte zwei, wenn der Südturm wie geplant gebaut worden wäre – gibt das duale Prinzip von Gott und seinem Widersacher, von Himmel und Erde, von Hell und Dunkel wieder, Polaritäten, die unser Leben ausmachen und göttlich sind, denn der Mensch wurde der Bibel nach, dem göttlichen Ebenbild entsprechend, männlich-weiblich geschaffen (Luther übersetzte hier leider ungenau und spricht von Mann und Frau). Von daher entspricht die polare Struktur unserer Wirklichkeit einer göttlichen Wirklichkeit: Wie im Himmel, so auf Erden, heißt es im Vater unser und vergleichbar bei Hermes Trismegistos in seiner Tabula Smaragdina.
Dafür stehen auch Jachin und Boas (die Säulen am Eingang des altesttamentarischen Tempels), Abel und Kain, Jesus und sein Versucher, zwei Seelen in der Brust, von denen im Faust die Rede ist, und die beiden Sphinxen in Michael Endes Unendlicher Geschichte, durch die Atréju hindurch muss – gleiches gilt für Odysseus hinsichtlich Scylla und Charybde  . . .

Dieses Bewusstsein hat Rainer Maria Rilke, der meines Wissens kein Freimaurer war wie ein Goethe, ein Herder, ein Mozart und viele andere, 1899 ein Gedicht schreiben lassen, das die drei wichtigen Freimaurergrade deutlich anspricht (Lehrling, Geselle, Meister) und auch ansonsten in diesem Geist verfasst ist:

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
die strahlend und als ob sie Alles wüsste
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.s
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

.

Rilkes religiöse Vorstellungen wandeln sich im Laufe seines Lebens. Doch immer
bleibt der Dichter einem „nahen und schwer fassbaren Gott“  verbunden, den er nicht in
ein festes Gottesbild eingesperrt sehen will, so formuliert es Burkhard Reinartz im Deutschlandfunk.

Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, die dich finden, binden dich
An Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen
Wie dich die Erde begreift,
Mit meinem Reifen
Reift
dein Reich.

Auffallend jedoch bei Rilke ist, dass das Alte Testament so präsent ist; er schrieb:
„Denn was suche ich mehr als den einen Punkt, den alttestamentarischen, an dem das Schreckliche mit dem Größten zusammenfällt.“

Unübersehbar ist, wie sehr in obigen Worten ein fehlendes Verständnis dessen, was Christus an Neuem brachte, durchschlägt. Bestätigt finden wir das in seinen 11 Christusvisionen, aufgrund deren man bisweilen nicht nur von Ablehnung, sondern von Verachtung von Jesus bzw. Christus sprechen möchte. Rilke wirft kunterbunt beide durcheinander und differenziert nicht zwischen dem Menschen Jesus und Christus, dem Sohn Gottes, dem Logos. Schlussendlich finden wir Jesus auf dem Prager Judenfriedhof in einer wenig angenehmen Atmosphäre, ja, in Der Narr zerfetzt er einem Mädchen namens Anna das Kleidchen . . .

Gewiss ist auch für seine Dichtung zu berücksichtigen, dass Rilke ein ziemlich problematisches Verhältnis zu Frauen hatte. Heimo Schwilk weist in Rilke und die Frauen  z.B. darauf hin, dass die von dem Dichter subtil umworbenen Fürstinnen, Baronessen und Gräfinnen nicht nur reizvoll, sondern auch vermögend waren und immer dienstbar, was die Förderung des rastlosen Dichters anging; er verweist auf sein extravagantes Leben auf Schlössern und in Adelszirkeln, auch darauf, dass er ein Meister des Rückzugs  war und zwar für einen tabufreien Umgang mit der Sexualität plädierte,  sie allerdings selbst kaum praktizierte, worunter er durchaus litt – er formuliert: „Rilke war ein Sänger der Liebe, aber gewiss kein guter Liebhaber.”

Etwas, was seine spirituelle Entwicklung meines Erachtens sehr beeinflusste, waren seine okkulten Aktivitäten (hier ein wenig dazu), die durchaus ausgeprägt waren und Rilke meiner Ansicht nach negativ beeinflussten; eventuell rührt aus möglichen energetischen Besetzungen ein Teil der Schwermut, die wir gegen Ende seines Lebens in den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus immer wieder finden. Und es verwundert nicht, dass  Lou Andreas-Salomé ihm schrieb: Gehe denselben Weg Deinem dunklen Gott entgegen. – Wir finden bei Rilke einen sehr hellen Gott, aber eben auch einen dunklen.

Kein Mensch hat nur helle Seiten; das gilt natürlich auch für Rilke. Gewiss aber erforderte seine Sensibilität ein Verhalten, das mit gewöhnlichen Maßstäben nicht zu messen ist; von daher mag man mit Wertungen gerade ihm gegenüber sehr vorsichtig sein.

Um noch einmal auf obiges Gedicht zu sprechen zu kommen: Tatsächlich sind wir, wie Rilke schreibt, alle Werkleute und es liegt an uns, ob wir eine Würstchenbude bauen, ein solides Haus oder gar eine Kirche.
Mancher allerdings, der glaubt, hier eine Kathedrale gebaut zu haben, findet in der geistigen Welt vielleicht nur einen Kiosk vor (ich vemute, es trifft auf nicht wenige Politiker zu, deren Antrieb bei all ihrem Tun vor allem war, ihr Ego zu protegieren und ihre Machtgelüste zu befriedigen; mancher unscheinbare Mensch aber hat vielleicht ein Münster gebaut, weil er an sich arbeitete, ehrlich und der Wahrheit verpflichtet, so gut er es konnte …)

Und um auch noch einmal auf Doris Runge zu sprechen zu kommen:
Seltsam wie wahr das ist, was Doris Runge schreibt, dass sie nicht sieht, was sie eigentlich weiß. Vermutlich weiß sie, was ich oben im Zusammenhang mit einem Dom angesprochen habe.
Klar steht ihr frei zu schreiben, wie es ihr geht und was sie konstatiert: dass sie im Nebel reisen. – Vielleicht ist ihr Schluss kein Zufall!

Im Nebel schrieb schon Hermann Hesse (1877-1962).

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

.

Man kann allerdings auch Nebel auf den Kopf stellen oder von hinten lesen. Manchmal ist das ganz gut! Man weiß dann, was auf dem Spiel steht! —

Ich habe mir dann noch Karin Kiwus´ Im ersten Licht zugemutet; es klang doch ganz verheißungsvoll und ich glaubte, ich könne auf Spirituelles treffen. Es wird einem jedoch nicht licht, wenn man ihre Zeilen liest, deshalb habe ich sie lieber nur verlinkt (man stelle sich ggf. auf Derbes ein).

Immer mal wieder lese ich im Netz auf drei, vier Gedichte-Blogs, unter anderem dem von  Hannah Buchholz. Sie schreibt terzinenhaft, sozusagen im Dreiertakt, dem Walzertakt des Herzens – sie selbst bezeichnet ihre Strophen als Haikus. Ihre Sprache empfinde ich als einfach, unverschnörkelt, ehrlich:

I
Unendlich erschöpft
und zugleich: so lebendig
wie niemals zuvor!
*
So viel gesprochen,
geschrieben, geliebt! So viel
geweint – und gelacht!
*
So viel gelebtes
Leben: in so kurzer Zeit!
So viel Dankbarkeit!

.II
So viele Freunde
getroffen und gesprochen!
So viele Briefe!
*
So viel Trauer – und
noch viel mehr Glück erfahren –
in so kurzer Zeit!
*
So viel Schmerz und Glück,
so viel Wärme und Kälte,
so viel Dankbarkeit!

III
So viele Blumen,
so viel Schönheit, soviel Kraft,
so viel Energie!
*
So viele Engel
in Menschengestalt! So viel
himmlischer Beistand!
*
So viel Zuspruch – und

so viele Umarmungen!
So viel Dankbarkeit!

IV
So viel vergessen,
so viel erinnert, so viel
gelebt – und durchlebt!
*
So viele Sterne,
so viele Worte, so tief
gefühlt – und geliebt!
*
So viel Dankbarkeit
für all eure Worte – und
für dieses Leben!

.

Dankbarkeit bewirkt Lebensfreude: Paulus nennt Freude im Galaterbrief an zweiter Stelle unter den neun Früchten des Geistes.

Richtig gern lese ich auch die Gedichte von Constanze auf ihrem Gedichte-Blog, den sie zusammen mit Wolfregen betreibt. Eines ihrer Gedichte lautet:

~ Maizimmer ~

Ein Vogel singt dir im Gemach
Mailieder von Tapetenwänden,
du wünschst, es möge niemals enden,
still hängst du deinen Träumen nach…
und plötzlich streift dich sachte nur der Wind
durch Flügel, Fenster, die geöffnet sind,
du wandelst, stehst und trittst ganz nah heran
und Blick und Seele von der Brüstung gleiten
hinaus in Gärten, die das Innre weiten
– klar tönt durchs Dickicht dir ein Eulenruf -,
nie grüner, bunter scheint es dir sodann
an diesem wunderbaren Ort;
er wird für dich zu einem Hort
von allem, was in Schönheit klingt,
dir lieblich leis im Herzen schwingt –
ein Frühling, den Gott nur für dich erschuf!

.

Diese Gedichte spechen, auch wenn sie es nicht sonderlich dezidiert tun, immer auch eine seelisch-geistige Ebene an, die oft mehr aus dem Zwischenraum der Zeilen spricht,

Saskia Lucia Birkner nimmt immer wieder mal die Jahreszeiten zum Anlass, sich Gedanken über sich selbst und das Leben zu machen. Gern schreibt sie auch über Liebe und wie sie diese erfährt und ihr begegnet. Bemerkenswert finde ich acht Worte von ihr, geschrieben am 7. August 2016: :

In eurer Besinnungslosigkeit,
Worte,
komme ich zu euch

um dann am 9. August zu formulieren:

An den Ort
an dem Sprache und Sinn
Hochzeit halten
.
sehne ich mich
seit Urgedenken
.
er muss heilig sein.

 

Ihre Gedanken finde ich vergleichbar denen, die Goethe Mephistopheles in seinem Faust ansprechen lässt, dem es angelegen ist, Geist und Buchstabe auseinanderzudividieren – wie wir in unserer Realität sehen, mit viel Erfolg, erleben wir doch zur Zeit einen Kult der Lügen, des Spaltens und des Hasses und ist es doch so hohl, was wir oft in diesem mephistophelischen Sinne hören, Worte, ohne Sinn, ohne Geist:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
 / Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
 / Dann hat er die Teile in seiner Hand,
 / Fehlt, leider! nur das geistige Band.

Was Saskia Lucia anspricht, findet sich auch in Hugo von Hofmannsthals (1874-1929) Weltgeheimnis thematisiert. Seine Terzinen beginnen mit der Zeit, bevor Gott sprach (zu Adam und Eva) – im Sinne Rilkes könnte man von einem Weltinnenraum sprechen, einem Weltinnenraum der Intuition:

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

Wie Zauberworte, nachgelallt
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl;
In den gebückt, begriffs ein Mann,
Begriff es und verlor es dann.

Und redet´ irr und sang ein Lied-
Auf dessen dunklen Spiegel bückt
Sich einst ein Kind und wird entrückt.

Und wächst und weiß nichts von sich selbst
Und wird ein Weib, das einer liebt
Und-wunderbar wie Liebe gibt!

Wie Liebe tiefe Kunde gibt!-
Da wird an Dinge, dumpf geahnt,
In ihren Küssen tief gemahnt…

In unsern Worten liegt es drin,
So tritt des Bettlers Fuß den Kies,
Der eines Edelsteins Verlies.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst aber wussten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

.

Wer möchte, mag hier  weiterführende Gedanken zum Hofmannsthal-Gedicht nachlesen.  Im Grunde hat in Gut und Böse  Wilhelm Busch (1832 – 1908) diese Thematik ebenfalls, wenn auch auf ganz andere Weise, angesprochen:

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
 / Ins Weltgetös?  
/ Was einst vereint, hat sich geschieden,
  / Und das ist bös.
Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,
 / Nun heißt es: Nimm!
   / Ja, ich muß töten, um zu leben,
  / Und das ist schlimm.
Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
  / Die niemals ruht.
 / Sie zieht mich heim zum alten Glücke,
  / Und das ist gut.

Viel dringlicher wirken Nietzsches (1844 – 1900) Zeilen in Vereinsamt.
Sein Gedicht bezieht sich – nach seiner Sicht – auf unser Menschsein als einer Zeit der Winterwanderschaft und unserer Welt als einem Tor zu tausend Wüsten:

     Die Krähen schrei´n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei´n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

     Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

     Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

     Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

     Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

     Die Krähen schrei´n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei´n,
Weh dem, der keine Heimat hat!

 

Von fern erinnern Nietzsches Zeilen an jene aus  Rilkes Herbsttag, wenn es dort heißt: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Doch bezieht sich Nietzsche, wenn auch die Reise eines Einzelnen im Mittelpunkt zu stehen scheint, auf die der Menschheit und wie Recht hat er in Bezug auf unsere Situation, wenn er im Dritten Buch der Fröhlichen Wissenschaft über den tollen Menschen schreibt und die spirituelle Situation der Menschheit im Blick hat:

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „ich suche Gott! Ich suche Gott!“ – Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? (…) Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, – wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.“

.
Ich möchte im Folgenden zurückgehen zu einer Zeit, als es um Gott und Religiosität noch ganz anders bestellt war, in die Zeit des Barock, des 17. Jahrhundert, um den Kontrast zu beleuchten:

Eine vergleichbare Not wie der Zweite Weltkrieg (vgl. Bonhoeffer, Schneider), war einer der grausamsten Kriege, die es je gab, der Dreißigjährige Krieg von 1618 – 1648.
Eine der bemerkenswertesten Frauen der deutschen Literatur, Sibylla Schwarz, die leider kaum bekannt ist, wurde nur 17 Jahre alt und musste ihr ganzes Leben in Zeiten des Krieges verleben, nämlich von 1621 bis 1638. Sie war Tochter einer angesehenen Greifswalder Familie, und verlebte zunächst eine relativ unbeschwerte Kindheit, bis 1627 die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges ihre Heimatstadt Greifswald erreichten, wie wir auf wortblume.de lesen können. Als Anfang 1630 ganz plötzlich ihre Mutter starb, versuchte ihr Vater den Haushalt mit der Hilfe seiner beiden ältesten Töchter Regina und Emerentia und später auch Sibylles, weiterzuführen. Trotz dieser schwierigen Umstände erhielt sie eine gute Ausbildung und begann mit etwa zehn Jahren Gedichte zu schreiben. Viele ihrer Gedichte handeln vom Krieg und ihrer Sehnsucht nach Fretow, dem väterlichen Landgut außerhalb Greifswalds, das die Familie kriegsbedingt verlassen musste. Außerdem verfasste sie Gelegenheitsgedichte zu verschiedenen Familienanlässen. Ein wichtiges Thema ihrer Dichtung ist die Würdigung der Freundschaft, daneben auch die Liebe und der Tod. In einigen ihrer Gedichte beklagt sie sich über die Gehässigkeit derer, die es missbilligen, dass eine junge Frau Gedichte schreibt. Am 23. Juli 1638 erkrankte Sibylle plötzlich an der Ruhr und starb eine Woche später am 31. Juli 1638 im Alter von 17 Jahren.
Ihr Werk wurde 1650 posthum von ihrem Lehrer Samuel Gerlach (1609-1683) in Danzig unter dem Titel Deutsche Poëtische Gedichte in zwei Teilen veröffentlicht.

Hier möchte ich vier Strophen aus ihrem Bußlied überschriebenen Gedicht zitieren:

Zu wem sol ich mich wenden /
Weil ja an allen Enden
Die Missethat erscheint?
Zu GOTT komm ich geschritten /
Ach laß dich doch erbitten /
Du thewrer Menschen Freund!

Den Todt hab ich verdienet /
Dein Sohn hat mich versöhnet /
Gestillet deinen Zorn /
Der ist für mich gestorben /
Hat mir das Heyl erworben /
Sonst wer ich gantz verlohrn.

Auff Ihn setz ich mein Hoffen /
Drumb lest er mir auch offen
Die tieffe Gnadenquell /
In seinen rohten Wunden
Hab ich mir Ruh gefunden /
Trotz Teuffel / Welt und Hell.

Und wenn nun meine Seele
Auß diser finstern Höle
Des Leibes weichen sol /
So wolst du bey mir stehen /
Und nimmer von mir gehen /
So ist mir ewig wol.

Unter Ist Lieb ein Feuer, und kann Eisen schmiegen? – Sibylla Schwarz hat die Erde nur berührt finden Sie mehr über sie.

Manche Landstriche blieben sowohl von vandalierenden Soldaten – mal von Katholiken, mal von Protestanten – als auch von der Pest verschont, andere traf es mehrfach und umso härter. Wer über die Not der Menschen damals gelesen hat, versteht, warum die spirituelle Lyrik der damaligen Zeit so inbrünstig flehend ist, zu Herzen geht und die Erde oft nur als ein Jammertal ansehen kann. Ein Name sei hier stellvertretend genannt, Andreas Gryphius (1616-1664). Sein Gedicht Tränen des Vaterlandes, anno 1636 ist im Grunde ein einziges Seufzen:

(vorab sei darauf verwiesen: völker schar (schwedische Heere, deutsche Heere, Wallenstein, Gustav Adolf, Tilly; Posaun nimmt Bezug auf die Posaunen des Gerichts in der Offenbarung des Johannes; karthaun = Geschütz mit großem Kaliber; Türme > Stadtbefestigung;  Rathaus und Kirche beziehen sich auf die bürgerliche und religiöse Ordnung)

Tränen des Vaterlands

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch‘ ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

.

Alles, was der Hände Fleiß geschaffen hat, ist durch Heere und ihr Kriegsinstrumentarium niedergemacht (1. Quartett). Was das aufkeimende Bürgertum auszeichnete, die Sicherheit der Stadtmauern, die bürgerliche und religiöse Ordnung, verkörpert durch das Rathaus und die Kirche, ist außer Kraft, auf den Kopf gestellt (2. Quartett). Doch wenn auch der Blutzoll schrecklich hoch ist (1. Terzett), so sollte es nicht geben, was Gryphius nicht direkt benennt, dadurch aber gerade besonders akzentuiert: Gewiss meint er mit der Seelen Schatz nicht einen erzwungenen Konfessionswechsel, sondern zielt darauf ab, dass durch das große Leid und Elend mancher seinen Glauben verloren hat, etwas, was schlimmer als der Tod ist.

Die Links zu den Prunkbauten lassen die großen Kontraste des Barock zwischen Reichtum (für Bayern: https://goo.gl/LdTx35; für Württemberg https://goo.gl/jcaYAs ) und Armut deutlich werden. In seinem Schloss zu Versailles beispielsweise gehörten zur Hofhaltung 20 000 Menschen, wobei Ludwig XIV. auf die Kleidung des gesamten Hofstaates großen Wert legte; aber jedes Kleidungsstück musste finanziert sein, herausgepresst eben aus den erzwungenen Abgaben der einfachen Landbevölkerung; kein Wunder wurde das Leben als Jammertal empfunden, und der Begriff der vanitas, der Nichtigkeit des Daseins, prägte diese Zeit; Gryphius hat genau deshalb eines seiner berühmten Gedichte Es ist alles eitel überschrieben.

Im Folgenden ist mit der Glieder Kahn der Körper und zugleich das Lebensschiff angesprochen, wobei der Port, also der Hafen zugleich das Lebensende meint, das unweigerlich auf das Lebensschiff zukommt – normalerweise bewegt sich das Schiff auf den Hafen zu!):

Abend

DEr schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werck / wo Thir und Vögel waren
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn.
Gleich wie diß Licht verfil / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn.

Laß höchster Gott / mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten /
Laß mich nicht Ach nicht Pracht / nicht Lust nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glantz sey vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen
So reiß mich aus dem Thal der Finsternüß zu dir.

.

In vielen Dokumenten dieser Zeit ist diese große und tiefe Gläubigkeit der Menschen zu spüren, ihr Vertrauen, dass es mit Sicherheit einen gibt, der einen aus der Finsternis zu sich reißt.

In den Liedern von Martin Luther (1483-1546) hat sich dies bereits Jahrzehnte zuvor angedeutet und es ist, als ob er mit einem seiner Lieder schon die bittere Not der durch die Reformation ausgelösten Kriegswirren geahnt hätte (wobei die Herrschenden die Reformation oft nur als Vorwand nahmen und gute Möglichkeit, um mittels kriegerischer Aktionen ihren Machtgelüsten nachzugehen) in einem Lied, das er um die Jahreswende 1523/24 schrieb und dessen erste Strophe lautet:

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Es ist, als ob 130 Jahre später ein Paul Gerhardt (1607-1676), einer der begnadetsten Liederdichter, die wohl jemals auf dieser Erde gelebt haben, mit der 12. Strophe seines Liedes Befiehl Du Deine Wege dem Schreien des Reformators ein Ziel gegeben habe:

MACH ENd, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
und allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.

Gewiss gehört Paul Gerhardts 1653 geschriebenes Lied zum eindrücklichsten, was im religiösen Lied-Bereich je geschrieben worden ist, hier die ersten beiden Strophen:

BEFIEHL du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

DEM HERREN musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen:
es muss erbeten sein.

Paul Gerhardts Lieder sind nicht nur vielfach in Gesangbüchern zu finden, sondern er ist auch in Volksliedsammlungen vertreten mit einem Lied wie dem 15 Strophen umfassenden

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

Ein weiteres sehr bekanntes von ihm: Ich singe dir mit Herz und Mund.Alle drei Paul-Gerhardt-Lieder finden sich mit allen Stropen hier.

Ein kleiner Ausschnitt aus seinem Leben (nach Wikipedia):

Am 31. 1. 1666 verweigerte Gerhardt wie viele andere das Toleranzedikt des Brandenburgischen Kurfürsten zu unterzeichnen und wurde daraufhin am 13. Februar als Pfarrer entlassen. Die Berliner Bürger und Gewerke waren mit der Amtsenthebung Gerhardts nicht einverstanden und forderten in mehreren Eingaben seine Wiedereinsetzung unter Befreiung der Unterschriftsleistung. Der Berliner Magistrat wandte sich daher an den Kurfürsten, der dieses Ansinnen zunächst ablehnte. Da sich Gerhardt mit seinen geistlichen Liedern auch außerhalb Berlins Ansehen erworben hatte, intervenierten auch die märkischen Landstände gegen Gerhardts Entlassung. Der Kurfürst setzte Gerhardt am 12. Januar 1667 wieder in sein Amt ein. Der jedoch verzichtete aus Glaubens- und Gewissensgründen nun darauf. Konsequenterweise verfügte der Kurfürst am 4. Februar 1667 die endgültige Entlassung Gerhardts, der nun ohne Einkommen war.

Man mag sich unschwer vorstellen, wie es Gerhardt in jener Zeit ergangen ist und wie sehr ihn die Entscheidung zur Arbeitslosigkeit mitgenommen haben mag; kein Wunder wirken seine Lieder so überzeugend und tief gegründet.

Natürlich hat auch Martin Luthers Ein feste Burg ist unser Gott Eingang in die Gesangbücher, ja in Volksliedsammlungen gefunden. Kaum ein Kirchenlied ist mehr interpretiert worden als dieses – es hängt auch mit dessen 4. Strophe zusammen, die nicht recht dazu passen will – hier die erste Strophe:

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst
ers jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Auch dieses Lied (alle vier Strophen hier) ist, wie gesagt, Volksliedgut geworden.

Leider muss angemerkt sein, dass Martin Luther vielfach für jene, die seinem Glaubens- und Weltbild nicht entsprachen, qualvolle Todesstrafen gefordert hat – er schreckte nicht einmal davor zurück zu fordern, behinderte Kinder zu ersäufen.

Eine heute kaum bzw. nicht mehr auffindbare, intensive Religiosität findet sich nicht nur in Liedern die sich mit dem Namen Paul Gerhardts (1607 – 1676) verbinden, sondern auch mit Namen wie Gerhard Tersteegen (1697 – 1769), Matthias Claudius (1740 – 1815) und August Hermann Franke (1853 – 1891).

Sie seien hier zumeist mit der ersten Strophe eines ihrer bekannteren Lieder vorgestellt. Sie sind Zeugnisse einer Religiosität, deren Worte und Bilder man sich, ist man bereit, sie mitzudenken und mitzufühlen, kaum entziehen kann. Es ist, als ob der Geist dieser Menschen noch heute in den Buchstaben zugegen wäre, das geistige Band also spürbar.

Gerhard Tersteegens wohl bekannteste Strophe findet sich als 4. Strophe in dem Lied Für dich sei ganz mein Herz und Leben – sie lautet Ich bete an die Macht der Liebe:

1. Für dich sei ganz mein Herz und Leben,
mein süßer Gott und all mein Gut!
Für dich hast du mir´s nur gegeben;
in dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
für dich sei ewig Herz und alles!

4. Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesu offenbart,
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Ein weiteres bekanntes Lied von Gerhard Tersteegen: Gott ist gegenwärtig

Gott ist gegenwärtig!
Lasset uns anbeten
Und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte!
Alles in uns schweige
Und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt,
Wer ihn nennt,
Schlag die Augen nieder,
Kommt, ergebt euch wieder.

(Die Lieder können hier vollständig nachgelesen werden)

von Matthias Claudius sind ca. 80 Lieder bekannt; sein bekanntestes ist natürlich das Abendlied (Der Mond ist aufgegangen); es enthält im Grunde eine Philosophie im Kleinen und wird im Rahmen der Bad Kissinger Abende noch Gegenstand genauerer Betrachtung sein. (auf der EthikPost und auf meinem Methusalem-Blog finden sich zwei Beiträge)
Mit den beiden ersten Strophen sei noch August Hemann Frankes wohl bekanntestes Lied zitiert:

Nun aufwärts froh den Blick gewandt
und vorwärts fest den Schritt!
Wir gehn an unsers Meisters Hand,
und unser Herr geht mit.

Vergesset, was dahinten liegt
und euern Weg beschwert;
was ewig euer Herz vergnügt,
ist wohl des Opfers wert.

hier in Gänze

Menschen in Not bedürfen in solchen Zeiten seelisch-geistiger Kraftquellen, deren sie sich fast automatisch bedienen können, und das sind auswendig gelernte Texte wie Befiehl du deine Wege oder der Psalm 23.

Als ich in einem Gottesdienst einen Pfarrer zu seinen Konfirmanden sagen hörte, dass sie drei Texte auswendig lernen würden, wurde mir bewusst, dass der größte Fehler der Kirchen ist, dass sie ihre Ansprüche und ihr Bekennen zu dem, was Not tut, so sehr reduziert haben. In diesem Zusammenhang vermisse ich ebenso die  Klarheit in Bezug auf den Weg Jesu, dass er nämlich ein Bewusstseinsweg ist, der wichtgste und schwierigste zugleich, den es für einen Menschen gibt, weltweit. Damit verleugnen ausgerechnet die Kirchen meiner Ansicht nach die Bedeutung von ihm. Dieses Verleugnen ist mitverantwortlich für den Niedergang der Kirchen und den der Religiosität in unserer Kultur.

Der Weg Jesu – wie er sich auch im Liedgut vergangener Jahrhunderte vermittelt – ist für mich ein überkonfessioneller, für alle gültig, aufgezeigt insbesondere im Johannes-Evangelium (Fußwaschung, Versuchung, Gethsemane usw.), es ist der Rosenkreuzerweg, jener der Alchemie (vgl. Edward F. Edinger, Der Weg der Seele), der Parzivalweg, der Weg der Märchenhelden. In vielen Gottesdiensten  wird vermittelt, man müsse nur ein paarmal das Vater unser oder den Rosenkranz herunterbeten, dann sei Gott schon gnädig – für mich ein gewaltiger Irrtum und eine spirituelle Falschinformation. Was beide Konfessionen viel zu oft machen, ist meines Erachtens, dass sie das Göttliche durch das fehlende Benennen klarer Ansprüche hintertreiben. Ausgerechnet die Kirchen!

Die Lieder der oben Genannten lassen, soweit sie dieses Thema ansprechen, keinen Zweifel an den Herausforderungen des Glaubens! Deshalb waren sie so wichtig für die Entwicklung unserer Kultur. Deshalb aber verwässert diese so sehr, weil sie keine Ansprüche mehr hat, schon gar keine überzeugend religiösen.

Für mich hat zudem ein Lied wie Paul Gerhardts Geh aus mein Herz und suche Freud heilkräftigen Charakter. Kaum jemand wird sich der positiv suggestiven Kraft der Worte und so lebensfroher Bilder, die ins Innere dringen, entziehen können.

Den Anspruch, von dem oben gesprochen war, formuliert Selige Sehnsucht, ein Gedicht Goethes, ganz klipp und klar; zugleich wird deutlich, dass (leider) dieser Anspruch und mit ihm das diesbezügliche Wissen nicht für jeden bestimmt sein kann. Goethe verwendet den Schmetterling als Symbol für die Seele. Die Griechen kannten für diese mehrere Symbole, eines war die Biene, die das tut, was der Mensch tun sollte, möglichst ununterbrochen Wertvolles seiner Seele zuzuführen; der Schmetterling aber ist ein Archetypus der ätherischen Feinheit, der Zartheit und Verletzlichkeit (es sollte uns zu denken geben, dass wir respektvoller und vorsichtiger mit unserer und der Seele unserer Mitmenschen umgehen:

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

.

geschrieben am 31. Juli 1814 in Wiesbaden. Es befindet sich an vorletzter Stelle im Buch des Sängers, des ersten Abschnitts aus dem West-östlichen Divan (erschienen 1819, erweitert 1827), Goethes umfangreichster Gedichtsammlung; sie wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert.
————-

Verloren, wie sich mancher in Zeiten des Barock, aber auch ein Wilhelm Busch und Nietzsche in Vereinsamt fühlte, muss sich auch Georg Trakl gefühlt haben.
Geboren am 3. Februar 1887 in Salzburg als fünftes Kind einer wohlhabenden Bürgerfamilie, wusste Trakl: „Ich werde doch immer ein armer Kaspar Hauser bleiben.“
Er absolviert ein dreijähriges Praktikum in einer Salzburger Apotheke; mit seinen Experimenten mit Drogen und Alkohol begann wohl auch seine Drogenabhängigkeit. Gleichzeitig fing er zu schreiben an. Sein Studium in Wien beendet er mit dem Magister der Pharmazie.
Er starb mit 27 Jahren in Krakau in einem Militärhospital an einer Überdosis Kokain. Anlass war, dass er Hunderten von Verletzten anlässlich der Schlacht von Grodek nicht wirklich hatte helfen können – er war abkommandiert als Rettungssanitäter in einer Scheune, in die man die Schwerstverwundeten brachte, ein Mediziner war nicht zugegen. – Gegen Ende seines Lebens erzählte er einem Arzt seine Leidensgeschichte, u.a., dass er nämlich schon als Kind versucht habe, sich selbst zu töten. Seit seiner Kindheit habe er zeitweise Gesichtshalluzinationen gehabt, es sei ihm vorgekommen, als wenn hinter seinem Rücken ein Mann mit gezogenem Messer stünde.
Es scheint, dass über seinem Leben das Unglück wie ein Damoklesschwert hing.

Trotz aller inneren Not – oder vielleicht gerade deshalb – entrangen sich seiner Seele Zeilen, die in ihrer Empfindsamkeit und stillen Trauer eine innere Schönheit besitzen, wie wir sie selten finden, ich denke u. a. an seine Herbstgedichte, eines davon lautet:

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

.vgl. auch Herbst des Einsamen und Verklärter Herbst

Ein besonderes Gedicht – und eines mit unübersehbar christlicher Symbolik ist das folgende:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinert die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

mehr zu ihm hier

Eine Antwort auf Nietzsche und all die, die sich ihres Weges nicht sicher waren und sind, kommt von einer Frau, die, geboren im Münsterland, Zeit ihres Lebens kränklich war, aber große Literatur schuf: Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848). Bekannt sind ihre Ballade Der Knabe im Moor und die Novelle Die Judenbuche sowie der Gedichtzyklus Das Geistliche Jahr, in dem sich für jeden Sonntag und den dazugehörigen Predigttext ein Gedicht findet. Über zwanzig Jahre arbeitete sie an ihm; er trägt damit natürlich auch autobiographische Züge, vermittelt er doch durchaus auch Zweifel und Ängste sehr persönlicher Natur und Art.

Hier die letzten Strophen ihres Gedichtes zum ersten Advent

nach der Schriftlesung: Einritt Jesu in Jerusalem. Matth. 21. »Saget der Tochter Sions: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig. – Hosanna dem Sohne Davids, gelobt sei, der da kömmt im Namen des Herrn!«

(…)
Allmächt’ger du,
In dieser Zeit, wo dringend not,
Daß rein dein Heiligtum sich zeige,
O laß nicht zu,
Daß Lästerung, die lauernd droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und ach den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu
Und allen standhaft echten Mut
Aufflammen immer licht und lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih‘ an Reih‘.

Doch ihr Gewand
Sei weiß, und auf der Stirne wert
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand,
Und faßt die Linke auch das Schwert,
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut
Als deine Streiter sie erkennen:
Voll Schweiß und Müh‘,
Demütig, standhaft, friedbereit,
So wirst du deine Scharen nennen
Und Segen strömen über sie.

.

Zum zweiten Advenstsonntag schrieb sie:

nach der Schriftlesung: Vom Zeichen an der Sonne. Lukas 21. »Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dieses zu geschehen anfängt, dann euer Erlöser kömmt. – Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh‘ ich das Morgenrot im Osten schon7
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh‘ es flimmern, aber bleich, ach bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.
(…)
Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz’gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum,

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen;
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland in der Seele Brand,
Glühndem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd‘ und Himmels Höhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

– – – – – – –

Für ein anderes Mal muss das vielleicht bekannteste romantische Gedicht vorbehalten sein, es ist von Clemens Brentano und beginnt:

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Leider konnte auch auf Novalis (1772-1801) nicht näher eingegangen werden (wie im übrigen auch nicht auf Mörike, Mascha Kaléko und viele andere, schade); ich werde zu Novalis einiges nachreichen können, wenn das Heilige Symbol der Blauen Blume im kommenden Jahr im Mittelpunkt eines Abends stehen wird; vorab seien einige Strophen aus einem seiner schönsten Lieder, die sich ja vielfach in Gesangbüchern finden, wiedergegeben:.

Was wär ich ohne dich gewesen?
Was würd‘ ich ohne dich nicht sein?
Zu Furcht und Ängsten auserlesen,
Ständ‘ ich in weiter Welt allein.
Nichts wüsst‘ ich sicher, was ich liebte,
Die Zukunft wär ein dunkler Schlund;
Und wenn mein Herz sich tief betrübte,
Wem tät‘ ich meine Sorge kund?

(…)

Hat Christus sich mir kund gegeben,
Und bin ich seiner erst gewiss,
Wie schnell verzehrt ein lichtes Leben
Die bodenlose Finsternis.
Mit ihm bin ich erst Mensch geworden;
Das Schicksal wird verklärt durch ihn,
Durch ihn muss mir im kalten Norden
Ein Paradies im Herzen blühn.

Das Leben wird zur Liebesstunde,
Die ganze Welt sprüht Lieb‘ und Lust.
Ein heilend Kraut wächst jeder Wunde,
Und frei und voll klopft jede Brust.
Für alle seine tausend Gaben
Bleib‘ ich sein demutvolles Kind,
Gewiss ihn unter uns zu haben,
Wenn zwei auch nur versammelt sind.

O! geht hinaus auf allen Wegen,
Und holt die Irrenden herein,
Streckt jedem eure Hand entgegen,
Und ladet froh sie zu uns ein.
Der Himmel ist bei uns auf Erden,
Im Glauben schauen wir ihn an;
Die Eines Glaubens mit uns werden,
Auch denen ist er aufgetan.

(…)

Das ganze Lied und ein weiteres von Novalis hier

20. November 2018: „Da unten aber ist´s fürchterlich” – Die großen Balladen: tiefsinnig und heilsam.

 

Balladen, wie wir sie von Theodor Fontane (John Maynard / Archibald Douglas), Heinrich Heine (Belsazar), Annette von Droste-Hülshoff (Der Knabe im Moor) oder auch Mörikes Feuerreiter kennen, firmieren unter der Bezeichnung Kunstballade; dazu gehören durchaus die Balladen Schillers und Goethes, doch werden deren Werke auch als Ideenballaden bezeichnet, ging es doch beiden, insbesondere Schiller, darum, über deren Inhalt eine Idee literarisch aufleuchten zu lassen, sei es die Idee der Freundschaft, wie in der Bürgschaft, oder des Respekts vor dem Göttlichen und dem Geschenk des Lebens wie in Der Taucher. Natürlich finden sich auch in der Moderne Balladen; wir finden sie nicht nur bei Franz Josef Degenhardt (Wenn der Senator erzählt) und Wolf Biermann (Das Familienbad), sondern auch bei Günter Kunert (siehe unten) und Liedermachern wie Konstantin Wecker und Reinhard May – zum Teil ist ja die Grenze zwischen entsprechenden Liedern und der eigentlichen Form der Ballade fließend. Bisweilen wurde sie in der Vergangenheit auch als Romanze bezeichnet; man meinte in der Regel –  etwas pauschal formuliert – dann eine Gedichtform, die sich mit weniger Tiefgründigem auseinandersetzte.

Das Wort Ballade leitet sich ursprünglich ab von dem mittellateinischen Wort ballare = tanzen und dem italienisch-provenzalischen Balada, einem Tanzlied mit Refrain, was darauf  verweist, dass Balladen in früheren Zeiten oft gesungen wurden.  Diese Balladen vergangener Zeiten, die vor allem vom 13. bis zum 15. Jahrhundert eine sehr lebendige literarische Gattung waren, bezeichnet man als Volksballaden; ihre Verfasser waren unbekannt, wie das ja auch beim Volkslied ursprünglich der Fall war. Bekannt sind unter anderem Es freit ein wilder Wassermann oder auch Es waren zwei Königskinder, Volksballaden, die wir auch als Volkslieder finden (weitere Volksballaden finden Sie hier); es zeigt sich, dass die Grenzen zwischen entsprechenden literarischen Gattungen bzw. Genres fließend sind; so wird auch Eichendorffs Der stille Grund als Ballade bzw. Romanze bezeichnet; wir werden sie kennenlernen am Dienstag, den 18. Dezember, dem  letzten Literaturkreisabend vor Weihnachten, wenn es um die Kraft der Stille geht, weil unbedingt berücksichtigt sein will, dass Stille auch eine dunkle, gefährliche Seite besitzt, um die man wissen sollte, wenn man sich der gesunden, heilsamen Stille ohne Sorge hingeben möchte.

Die Ursprünge der Volksballaden finden wir in den alt- und mittelhochdeutschen Heldenliedern. Erstmalig überliefert wurde ein Fragment des althochdeutschen Hildebrandliedes aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, das ursprünglich wohl aus dem Kloster Fulda stammt und offensichtlich ein nachträglicher Eintrag in einem Codex ist, der eigentlich biblische Texte enthält. Vielleicht war es so, dass Mönche es sich nicht verkneifen wollten, auf den eigentlich freien Buchinnenseiten der ersten und letzten Seite des Codex das Hildebrandlied einzutragen; seine Wiedergabe bricht jedenfalls ab, als wohl der Platz auf dem letzten Blatt zur Neige ging.

Soweit ein kleiner Exkurs in die Geschichte; offensichtlich ist, was unsere Gegenwart betrifft, dass die Ballade als literarische Form entgegen der Auffassung mancher Germanisten, die, wie Walter Müller-Seidel, die Balladenform schon totsagten, durchaus sehr lebendig ist. Wenn man weiß, dass ihr eine mindestens 1200-jährige Geschichte zugrundeliegt – wie weit die Heldenlieder wirklich zurückgehen, wissen wir gar nicht -, kann man sich darüber nur freuen.

Man hat sie in ganz unterschiedliche Sparten (historische, soziale, natur- und totenmagische Balladen usw.) aufgeteilt, und insbesondere die Heldenballade lebte  in vergangenen Zeiten zum Teil in einem ziemlich aufgeblasenen und äußerlichen Heldentum, wie wir es z.B. in Moritz von Strachwitz´ Das Herz von Douglas finden. Aber unsere Kultur zeichnet sich  dadurch aus, dass sie einem stillen Heldentum Ehre erwies, einem Heldentum, wie wir es von Nis Randers, Archibald Douglas, John Maynard oder – wenn man den Alt-68er-Tonfall akzeptieren mag – Willi (Konstantin Wecker) kennen, das von Helden berichtet, die Opferbereitschaft und großen Mut zeigten, Eigenschaften, denen zu allen Zeiten Menschen Respekt zollten und innehielten, um sie zu würdigen, wissend, wie dringend die Menschheit dieser Menschen und solcher Eigenschaften bedarf.

In der Folge gebe ich die Balladen wieder, wie sie am 20. November vorgetragen wurden.

Die erste, geschrieben von Otto Ernst (1862 – 1923), einem zu seiner Zeit zumindest regional durchaus bekannten Dichter, handelt von dem friesischen Fischer Nis Randers, der sein eigenes Leben riskiert (die damaligen Rettungsboote waren offen und drehten sich nicht, wie die modernen, wenn sie kentern, von selbst wieder nach oben), um das eines Matrosen zu retten, nicht wissend, dass er damit das Leben seines seit drei Jahren verschollenen Bruders, den insbesonders seine Mutter so sehr vermisst, rettet:

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Nis Randers

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd –
Ein Schrei durch die Brandung!

Und brennt der Himmel, so sieht man´s gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sich´s der Abgrund.

Nis Randers lugt – und ohne Hast
Spricht er: „Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen.“

Da fasst ihn die Mutter: „Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich will´s, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!“

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
„Und seine Mutter?“

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muß es zerschmettern …! Nein, es blieb ganz …!
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? – Ein Boot, das landwärts hält –
Sie sind es! Sie kommen! – –

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt …
Still – ruft da nicht einer? – Er schreit´s durch die Hand:
„Sagt Mutter, ’s ist Uwe!“

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Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger hatte im Übrigen einen ihrer Seenotrettungskreuzer Nis Randers getauft – nach 28 Jahren wurde er in diesem Jahr ausgemustert (von mir aus hätte man auch den Nachfolger Nis Randers nennen dürfen).

– – –

Das folgende Gedicht Günter Kunerts gehört für mich zu den eindrücklichsten, die ich kenne; im Grunde ist diese Ballade eine Ideenballade zeitgenössischer Provenienz; ihre Idee gibt sie in zwei Etappen preis: Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen  / Die Veränderung, die seine Welt erfährt beinhaltet die grundsätzliche Aussage, die allen Menschen ins Stammbuch geschrieben sein will. Ihre Bedeutung gewinnt sie mit der letzten Strophe, die allen zu denken geben mag, vor allem allen Noch-Fischen:

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Wie ich ein Fisch wurde

Am 27. Mai  um drei Uhr hoben sie sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Menschen zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloss ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepasst.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

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Die Ballade Kunerts nimmt im Übrigen Bezug auf ein Thema, das weltweit in der Dichtung sich findet. auch in den allermeisten Mythen der Völker: der Mythos um eine große Flut und den Untergang einer ganzen Kultur. Platon nimmt Bezug auf Atlantis, sehr ausführlich tut das auch das nicht unumstrittene amerikanische Medium Edgar Cayce und – was wenig bekannt ist – Oskar Loerke (1884 – 1941). Ich gebe deshalb sein Gedicht  hier wieder, es entstammt seinem Gedichtzyklus Bemalte Vasen aus Atlantis. 

Jener Mensch, im folgenden Gedicht ist es das lyrische Ich, befindet sich offensichtlich auf einem Speicher und gleichzeitig in rollender See. Er wird am Kopf getroffen von herunterfallenden Vasen, die sich in den Speicherregalen befinden und ertrinkt zugleich im taifunischem Wind, also in tosendem Geschehen. Dennoch umarmt er ein Kind, das ihm Entscheidendes zuruft.

Das Atlantis-Thema war für Oskar Loerke nicht neu. 1907 gibt er seine Schrift Vineta heraus; im Titel also bezieht sie sich auf eine an der südlichen Ostseeküste gelegene sagenhafte Stadt, die in einer Sturmflut untergegangen sein soll und auf die sich möglicherweise schon Eduard Mörike mit seinem Orplid-Gedicht bezog.

Natürlich mögen die Atlantis-Gedichte und der Untergang von Atlantis eine Chiffre, also eine logisch nicht herstellbare Bezugnahme gewesen sein zum  Dritten Reich, das Loerke nicht mit Namen nennen durfte und mit dessen Realität sich der innere Emigrant doch sehr schwer tat, blieb er doch während der Naziherrschaft in Deutschland und leistete 1933 dem jüdischen Verlag S. Fischers zuliebe eine Unterschrift unter das „Treuegelöbnis“ der 88 Schriftsteller; doch war er innerlich ein Emigrant, und weil er in Deutschland blieb, eben ein innerer Emigrant.

Dennoch steht auch trotz des politischen Bezuges – natürlich wollte er das Dritte Reich ebenfalls untergehen sehen – bei ihm Atlantis für eine einstmals vorhandene Realität und von den Hopi-Indianern wissen wir, wenn wir ihrer Überlieferung glauben schenken, dass Menschen je nach ihrem seelischen Reifegrad mit Atlantis untergingen oder überlebten und auf unterschiedliche Weise den versinkenden Kontinent verließen.

 

.            Bemalte Vasen von Atlantis

            Doch geschieht – und saust die Chronosfaust schon groß –
Bis zuletzt das süße Wesenlos

D e r  F u n d

Die Luken waren spinnwebfahl,
Doch schattete Weinlaub in den Speicher.
Wer ihn bei Nacht und Regen bestahl,
Der wurde mit prallem Sack nicht reicher.

Kein Mauszahn mochte sich bemühn
Um Krinoline, Stock und Hauben,
Gehöhlte Bretter, seifig grün,
Verbognes Fassband, spacke Dauben.

Im Winkel hielt ein Urkundenpack
Lang vor, dem Wurm das Maul zu stopfen;
Zurück blieb roter Siegellack
Wie Blut in dick verklumpten Tropfen.

Gerümpel in schwindliger Litanei
Raunte durchs Labyrinth der Gänge.
Ein Kompass nur wusste, wo Norden sei,
Ins Lot wies ein Cardangehänge.

Mein Körper schwebte durch Süße, durch Weh,
Sein Herzschlag fand nicht von der Stelle –
Ich suchte, schwank in rollender See,
Für weite Fahrten Schiffsmodelle.

Ganz in der Ferne, wie mir schien,
Aus zackig betuschtem Götzenrachen
Zwischen Stummeln dampfte Lichtrubin
Auf einem schwarzen Wikingdrachen.

Im Finster davor schlug mir Fuß und Kopf
An splittrig wackelnde Regale.
Und nieder platzten Topf bei Topf
Wie Herbstkastanien aus der Schale.

Ich fiel und ertrank in taifunischem Wind.
Dann war mir, indem ich ein Glattes umarmte,
Das heil war und so hoch wie ein Kind,
Als ob ich mich eines Kindes erbarmte.

Da sprach es, kaum in meiner Hand:
„Wir sind aus Atlantis und mussten sterben.“
Dann schrie es, während es jäh sich entwand:
„Taste dich rückwärts, wir sind Scherben.“

Ich kroch und kroch, bis Morgen war,
Und mit mir der Spuk im Bodenverstecke.
Die Sonne ging auf in ihm: eine Schar
Bemalter Vasen stand in der Ecke.

Anmerkung:
die Krinoline, Bezeichnung für den um die Mitte des 19. Jh.s getragenen Reifrock

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Friedrich Schillers Ballade Der Taucher  ist eines der faszinierendsten und tiefgründigsten dichterischen Werke, unter denen, die ich kenne. Es geht vor allem um vier Aspekte – hier aber zunächst die Ballade:

 

„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen’s und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum dritten Mal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Es riss mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behend und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers gräuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war’s mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versucht du’s noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

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Die vier angesprochenen Aspekte sind:

  • Die Tiefen des Wassers mit seinen Schrecknissen entsprechen auch den Tiefen unserer Seele (vgl. Goethes Des Menschen Seele gleicht dem Wasser – mehr dazu vor 14 Tagen im Zusammenhang mit der Wassersymbolik in den Volksliedern)
  • Zu dieser Wahrheit gehört auch, dass neben all dem Schrecklichen – oft gleich nebenan – die Wahrheit bzw. das Gesuchte zu finden ist. Ja, das eine bedingt immer wieder das andere, das eine gibt es nicht ohne das andere. Es ist kein Zufall, dass der Edelknecht in höchster Not den Becher findet!
  • Neben der Fähigkeit zur Intuition und zu jener, Gefühle wahrzunehmen, gehört auch, klar denken zu können. Hätte der Edelknecht klar gedacht, hätte er die gewaltige dunkle Seite des Königs nie übersehen können, zumal sich jener erlaubte, den Becher, den der Edelknecht sich wahrlich durch seinen  Tauchgang verdient hatte und der ihm ja auch vom König versprochen worden war, erneut in den Schlund zu werfen, obwohl er ihm nicht mehr gehörte! – Wie verfügt zudem der König einfach über seine Tochter!
  • Überlebenswichtig für die Menschheit ist, dass sie den Mut besitzt, die dunklen Könige zu entlarven! Ihre Kraft wird gebrochen, wenn ihre Dunkelheit belichtet wird.

Ausführlicher habe ich diese Punkte in einem Methusalem-Post angesprochen. Dort finden sich auch die am Dienstagabend erwähnten Bilder von Hieronymus Bosch, die so wirkungsvoll die Untiefen der Seele spiegeln.

Goethe hat – vor allem auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Schlussgestaltungen – Schillers Ballade Der Handschuh, die jener unmittelbar nach dem Taucher schrieb und ihn dem Dichterfreund als Nachstück ankündigte, nach der Lektüre als Nach– und Gegenstück bezeichnet – gewiss zu Recht:

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Der Handschuh

Vor seinem Löwengarten,
Das Kampfspiel zu erwarten,
Saß König Franz,
Und um ihn die Großen der Krone,
Und rings auf hohem Balkone
Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger,
Auf tut sich der weite Zwinger,
Und hinein mit bedächtigem Schritt
Ein Löwe tritt,
Und sieht sich stumm
Rings um,
Mit langem Gähnen,
Und schüttelt die Mähnen,
Und streckt die Glieder,
Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder,
Da öffnet sich behänd
Ein zweites Tor,
Daraus rennt
Mit wildem Sprunge
Ein Tiger hervor,
Wie der den Löwen erschaut,
Brüllt er laut,
Schlägt mit dem Schweif
Einen furchtbaren Reif,
Und recket die Zunge,
Und im Kreise scheu
Umgeht er den Leu
Grimmig schnurrend;
Drauf streckt er sich murrend
Zur Seite nieder.

Und der König winkt wieder,
Da speit das doppelt geöffnete Haus
Zwei Leoparden auf einmal aus,
Die stürzen mit mutiger Kampfbegier
Auf das Tigertier,
Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen,
Und der Leu mit Gebrüll
Richtet sich auf, da wird’s still,
Und herum im Kreis,
Von Mordsucht heiß,
Lagern die gräulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottenderweis
Wendet sich Fräulein Kunigund:
»Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiß,
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.«

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,
Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
»Den Dank, Dame, begehr ich nicht«,
Und verläßt sie zur selben Stunde.

– – – – –

Wir haben uns sodann Conrad Ferdinans Ballade Die Füße im Feuer zugewandt, ein, wie ich finde, künstlerisch auf höchstem Niveau gearbeitetes Werk mit einem bemerkenswerten Schluss. Vorab sei hier auch sein Werk Stapfen abgedruckt, ein Gedicht voll zarter Liebe, das zu meinen Lieblingsgedichten gehört und das ich zitiert habe, um die besondere Qualität des Schweizer Autors zu verdeutlichen, der so einfühlsam schreiben kann, mit leisen Tönen, nur in Andeutungen – und doch so eindrücklich (vielleicht gerade deshalb heute so wertvoll, weil in unseren Tagen so vieles so laut meint daherkommen zu müssen):

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….                  Stapfen

In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich
Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,
Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,
Du zogst des Reisekleids Kapuze vor
Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.
Nass ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich
Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,
Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,
Von deiner Reise sprechend. Eine noch,
Die längre, folge drauf, so sagtest du.
Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug
Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,
Dort wo der First sich über Ulmen hebt.
Ich ging denselben Pfad gemach zurück,
Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,
In deiner wilden Scheu, und wohlgemut
Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.
Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain
Den Umriss deiner Sohlen deutlich noch
Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,
Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,
Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,
Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!
Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem
Zurück dieselbe Strecke Wandernden:
Aus deinen Stapfen hobst du dich empor
Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs
Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.
Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.
Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,
Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.
Da überschlich mich eine Traurigkeit:
Fast unter meinem Blick verwischten sich
Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.

Einige Gedanken und Anmerkungen zu der Ballade: hier

Nun also die Ballade Die Füße im Feuer, deren historischen Hintergrund ich hier dargestellt habe; der Umgang derer von Guise sowie der Katholiken insgesamt mit den Hugenotten, vor allem aber das Massaker in der Bartholomäusnacht vom 23. auf 24. August 1572, der später so genannten Pariser Bluthochzeit, in der Tausende von frranzösischen Protestanten hingemetzelt wurden, gehört mit zum Traurigsten der europäischen Geschichte. Die Hugenottenverfolgungen bilden den historischen Hintergrund zur Ballade, die im Übrigen auch, wie schon Stapfen, ausgesprochen feinsinnig in Andeutungen zeichnend beginnt, wobei man u.a. beachten mag, mit welch knappen, aber gekonnten Mitteln allein die Anfangssituation gestaltet ist, beispielsweise in Bezug auf die Licht-Dunkel-Symbolik, die schon vorverweist auf die gesamte Ballade: der Reiter kommt aus dem Dunkeln und bringt es mit sich – im Schloss ist Licht (auch wenn so große Trauer herrscht):

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Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann …

– „Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!“
– „Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert’s mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!“
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild …
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebendgen Brand. Er brütet, gafft …
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal       …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.

Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt        …
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
– „Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind’s … Auf einer Hugenottenjagd
Ein fein, halsstarrig Weib … ‚Wo steckt der Junker? Sprich!‘
Sie schweigt. ‚Bekenn!‘ Sie schweigt. ‚Gib ihn heraus!‘ Sie schweigt.
Ich werde wild.  D e r  Stolz! Ich zerre das Geschöpf …
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut … ‚Gib ihn heraus!‘ … Sie schweigt …
Sie windet sich … Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.“
Eintritt der Edelmann. „Du träumst! Zu Tische, Gast …“

Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerissnen Augen an –
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: „Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!“ Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr …
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.

Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht … Dröhnt hier ein Tritt? … Schleicht dort ein Schritt? …
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei, und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
Er träumt. „Gesteh!“ Sie schweigt. „Gib ihn heraus!“ Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt …
– „Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!“
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr – ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.

Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel’ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt’gen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräft’gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: „Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wisst, dass ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!“ Der andre spricht:
„Du sagst’s! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer … Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst! …. Mein ist die Rache, redet Gott.“

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Ich habe sie hier interpretiert, die historischen Informationen zur Ballade finden sich – wie bereits erwähnt – hier.

Zu dem Kinderkreuzzug von Bertolt Brecht, einer Ballade, die ich hier nicht abdrucken kann, da mir wiederholt zu Ohren gekommen ist, dass Brechts Erben bzw. der Verlag, in dem er verlegt wird, mit Argusaugen über entsprechende Rechte wachen (was sich kaum mehr lohnt, ist er doch nach dem Mauerfall in der Versenkung der Geschichte verschwunden – kein Zufall), sind wir nicht mehr gekommen. Sie hat durchaus einen spirituellen Hintergrund, auch, weil ihre deutschen und französischen sehr jugendlichen Führer ein christliches Sendungsbewusstsein hatten, das man allerdings durchaus hinterfragen mag. – Ich lasse aber meine Ausführungen zum Kinderkreuzug, die ich vorab schon hier hereingestellt hatte, dennoch online.

Ich persönlich mag Brecht nicht sonderlich wegen seines Verhaltens gegenüber Frauen, weil mir nicht wenige seiner Stücke zu zeigefingerhaft sind, er mir zu arrogant ist (vgl.  sein von ihm entworfener Grabspruch Ich benötige keinen Grabstein …) und weil mir seine gesellschaftspolitische Sichtweise, die in der Dreigroschenoper in dem Satz gipfelt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral, zu platt ist – sie findet sich auch im Guten Menschen von Sezuan angedeutet.

Gleichzeitig halte ich ihn für einen Magier des Wortes  und seine Theaterstücke über Galileo Galilei und die Prostituierte Shen Te (Der gute Mensch von Sezuan) sind m. E. voll guter Ideen, einfach auch gut geschrieben. Gleiches gilt für das ein oder andere Gedicht, unter anderem eben den Kinderkreuzzug, Die Liebenden (Seht jene Kraniche in großem Bogen) oder auch die Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration.

Ich habe im Netz überaschenderweise noch eine Veröffentlichung des Kinderkreuzzuges gefunden: hier.

Informationen zu den historischen Kinderkreuzzügen von 1212: hier

Viele Grüße und vielleicht bis zum nächsten Abend am 4. Dezember zum Thema

„Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt”
Christliche Spiritualität in Gedichten.

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Balladeninterpretationen:

hier noch Gedanken zu dem Atlantis-Gedicht von Loerke und C.F. Meyers Stapfen

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6. November 2018: „Vom Wasser haben wir´s gelernt“ – Die verborgene Weisheit der Volkslieder

Auf diesen Blog stelle ich wichtige Materialien, die an den jeweiligen Abenden zitiert oder angesprochen worden sind, ggf. füge ich auch einige hinzu, wenn sie für das jeweilige Thema wichtig sind, ich sie aber aus Zeitgründen nicht einbringen konnte.

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  •  Die Bedeutung des Wanderns und des Wassers als seelischem Wandern

Es gibt eine große Anzahl von Wanderliedern, u.a.

✻ Wer jetzt in Freuden wandern will, der geh der Sonn entgegen …
✻ Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt …
✻ Im Frühtau zu Berge wir ziehn, fallera …
✻ Wir sind jung, die Welt ist offen, oh du schöne weite Welt …
✻ Auf du junger Wandersmann, jetzo kommt die Zeit heran, die Wanderzeit  …
✻ Wohlauf die Luft geht frisch und rein, wer lange sitzt muss rosten …

Stellvertretend soll hier das Lieblingslied der Wandervogelbewegung – Der Wandervogel wurde 1901 in Berlin Steglitz gegründet und breitete sich in der Folge fast explosionsartig über den deutschsprachigen Raum aus – wiedergegeben sein. Bei dieser Gelegenheit soll aber zugleich darauf verwiesen sein, dass nicht wenige Volkslieder keineswegs vom Nationalsozialismus vereinnahmt wurden, dazu gehört nicht nur Hohe Tannen weisen die Sterne, sondern auch Wir wollen zu Land ausfahren; der Text lässt deutlich werden, warum:

Wir wollen zu Land ausfahren
wohl über die Fluren weit,
aufwärts zu den klaren
Gipfeln der Einsamkeit.
Woll´n lauschen, woher der Sturmwind braust,
schauen, was hinter den Bergen haust
und wie die Welt so weit,
und wie die Welt so weit.

Fremde Wasser dort springen,
sie soll´n uns´re Weiser sein,
froh wir wandern und singen
Lieder in das Land hinein.
Und glüht unser Feuer an gastlicher Statt,
so sind wir geborgen und schmausen uns satt,
und die Flamme leuchtet darein
und die Flamme leuchtet darein.

Und steigt aus tiefem Tale
heimlich und still die Nacht,
und sind vom Mondenstrahle
Gnomen und Elfen erwacht,
dämpfet die Stimme, die Schritte im Wald
so hör’n, so schau’n wir manch Zaubergestalt,
die wallt mit uns durch die Nacht,
die wallt mit uns durch die Nacht.

Es blühet im Walde tief drinnen
die blaue Blume fein,
die Blume zu gewinnen
zieh‘n wir ins Land hinein.
Es rauschen die Bäume, es murmelt der Fluss,
und wer die blaue Blume finden will,
der muss ein Wandervogel sein,
ein Wandervogel sein.

Das 1911 verfasste Lied wurde von den Nationalsozialisten aussortiert, weil diese mit romantischen Einsprengseln, also Gnomen und Elfen nichts zu tun haben wollten – wobei angemerkt sein soll, dass in der Führungsspitze der Nationalsozialisten nicht wenige praktizierende Okkultisten waren (inclusive Hitler) und sie also durchaus eine gewisse Affinität zu mystischen Dingen hätten haben können -, also auch zum Symbol der Blauen Blume, DEM zentralen religiösen Symbol der Romantik. Ebensowenig wollten sie Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht, weder das gleichnamige Lied noch entsprechende junge Kerle, oder Lieder, die eine Freiheit thematisieren, die nicht zu ihrem Kasernenhofton und ihrem Menschenbild passten.  Die Dokumente, die thematisieren, was für eine Jugend sie sich wünschten, sind bekanntlich erschütternd.

Texte, die uns verstehen lassen, welche seelische Bedeutung dem Wasser zukommt – deutlich wird das in der Bibel ja auch an dem Bericht über den sinkenden Petrus und in dem Hinweis auf das Wasser des Lebens am Ende der Offenbarung des Johannes – sind das berühmte Gedicht von Goethe Gesang der Geister über den Wassern und ein Auszug aus Teresa von Avilas Die innere Burg.

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Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

 

aus Teresa von Avila, Moradas del Castillo Interior (deutscher Titel: Die innere Burg)

Wie die Bächlein, die einer sehr klaren Quelle entspringen, rein und lauter sind, so ist es auch die Seele, die in der Gnade lebt. Daß ihre Werke den Augen Gottes und der Men-schen wohlgefällig sind, hat seine Ursache nur darin, daß sie jener Quelle des Lebens entspringen, in welcher die Seele wurzelt, eingepflanzt wie ein Baum, der nicht die Frische und Fruchtbarkeit besäße, wenn sie ihm nicht von dorther zuflössen. Dies erhält ihn und macht, daß er nicht verdorrt und gute Frucht bringt. Entfernt sich eine Seele aus eigener Schuld von dieser Quelle und senkt sich in eine andere mit schwarzem Wasser von widerlichem Geruche ein, so ist auch alles, was aus ihr hervorgeht, nichts als Schmutz und Unheil. Hier ist zu bedenken, daß die Quelle, daß jene strahlende Sonne, die sich in der Mitte der Seele befindet, ihren Glanz und ihre Schönheit nicht verliert. Sie bleibt beständig darin, und nichts kann sie ihrer Schönheit berauben.

 

  • Volkslieder stellen den Bezug zu unserem inneren Kind in ganz besonderer Weise her

Dieser Aspekt wird Thema eines eigenen Abends sein, wobei dann auch Märchen und ihre Bedeutung für uns Erwachsene einbezogen werden. Auch wenn die Thematik des inneren Kindes mittlerweile abgegriffen erscheint und selbst Comedians in dieser Hinsicht herumulken, kommt doch dem ernsthaften Bezug zu unserer Kindheit und dem, was wir als Kind in uns ansprechen und was durch Volkslieder und Märchen aktualisiert wird, eine besondere, oft im Übrigen heilsame Bedeutung zu.

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  • Lieder, in deren Mittelpunkt der Rhythmus des Lebens steht
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    • Jahreszeiten
    • Lieder, die Sonne und Mond besingen (dem Mond kommt eine besondere, auch spirituelle Bedeutung zu
    • Tagesablauf  (v.a. Morgenlieder, Abendlieder)

Wir haben die Frage erörtert, welche Bedeutung der natürliche Rhythmus noch haben kann angesichts der Entrhythmisierung des Lebens: Viele Menschen machen die Nacht zum Tag (einige zum Teil gezwungenermaßen bedingt durch ihren Beruf, nicht wenige aber auch freiwillig), viele suchen im Winter sonnige Gefilde auf oder fahren im Mai noch Ski auf Gletschern …

Möglicherweise befindet sich die Menschheit in einer Phase, in der sie sich eine neue Weise, über den Rhythmus des Lebens zu verfügen, aneignet. In solchen Übergangsphasen wird oft Gewohntes völlig über den Haufen geworfen (und das nicht immer sehr sinnvoll), um eine neue Qualität zu finden. Wie diese neue Qualität aussehen wird, weiß in der Regel kaum jemand; es scheint sich aber anzudeuten, dass sich zum Beispiel ein höheres Bewusstsein gegenüber der Natur, Tieren und Pflanzen – die alle einen eigenen Rhythmus haben – und der Wertschätzung regionaler Gegebenheiten, die ja auch immer den Rhythmus des Lebens mitbestimmen, entwickelt.

Volkslieder, die diesen Rhythmus des Lebens betonten und eine große Wertschätzung ihm gegenüber aufwiesen, waren z.B. jenes aus dem 19. Jahrhundert, dessen Verfasser unbekannt ist:

Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt.
Er setzt seine Felder und Wiesen instand.
Er pflüget den Boden, er egget und sät.
Und regt seine Hände frühmorgens und spät.

Die Bäurin, die Mägde, sie dürfen nicht ruh’n.
Sie haben im Haus und im Garten zu tun.
Sie graben und rechen und singen ein Lied.
Sie freu’n sich wenn alles schön grünet und blüht.

So geht unter Arbeit das Frühjahr vorbei.
Da erntet der Bauer das duftende Heu.
Er mäht das Getreide, dann drischt er es aus.
Im Winter, da gibt es manch fröhlichen Schmaus.

oder auch jenes von Matthias Claudius

Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.
Refrain:
Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.

Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot,
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.
Refrain

Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm
das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.
Refrain

Er läßt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf;
er läßt die Winde wehen und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns soviel Freude, er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide und seinen Kindern Brot.
Refrain

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  • Die Bedeutung von Heimat, Geselligkeit und wie selbstverständlichem Gottvertrauen

Das gesellige Beisammensein schwindet, Menschen leben zunehmend vereinzelt und die Geselligkeit hat da, wo sie noch vorhanden ist – im Fußballstadion, bei Rock-Konzerten oder z.B. dem Oktoberfest – eine gänzlich andere Qualität, gewiss keine heimelige mehr oder eine, die Vertrautheit und menschlich ehrliche Nähe fördert.

Auch der Heimatbegriff verändert sich, vor allem in der jungen Generation, angesichts zunehmender Globalisierung.

Und auch das Verhältnis zur Religion und zum Göttlichen wandelt sich.

Überwiegend ist diesbezüglich eine zunehmende Entfremdung festzustellen; doch sie hat, wie oben angesprochen, ihre Bedeutung und wenn auch im Einzelnen die Auswirkungen traurig sein mögen, ist zu beachten, was am Ende dieser Entwicklung stehen könnte.

Beispielhaft für Lieder, welche die Wertschätzung der Heimat in den Mittelpunkt stellen, ist ein sehr bekanntes, das aus der niederrheinischen Gegend stammt:

Kein schöner Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,
|: wo wir uns finden,
wohl untern Linden,
zur Abendzeit! : |

Da haben wir so manche Stund’
gesessen da in frohem Rund,
|: und thaten singen,
Die Lieder klingen
im Eichengrund! : |

Daß wir uns hier in diesem Thal
noch treffen so viel hundertmal:
|: Gott mag es schenken,
Gott mag es lenken,
der hat die Gnad’. : |

Jetzt, Brüder, eine gute Nacht,
der Herr im hohen Himmel wacht,
|: in seiner Güten
uns zu behüten,
hat er bedacht! : |

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  • Der Zusammenklang von Arbeit und Lebensfreude

Gerade die Gründung des Wandervogels 1901 in Steglitz, das heute zu Berlin gehört, eine Bewegung, die sich binnen kurzer Zeit fast explosionsartig über den deutschsprachigen Raum ausbreitete und zum Beispiel auch das Liederbuch Zupfgeigenhansl mit sich brachte (Erstdruck 1910; geschätzte Gesamtauflage 1 Million), zeigen, wie sehr Menschen der zunehmenden Industrialisierung des Lebens etwas entgegensetzen wollten, der zunehmenden Verstädterung und Lebensfeindlichkeit ebenso wie der immer mehr alles dominierenden Arbeitswelt. Fast zeitgleich entstand in England die Pfadfinderbewegung, die natürlich auch über den Ärmel-Kanal schwappte und sich hier mit der Wandervogel– und Jugendreformbewegung vermischte; die ersten Jugendherbergen entstanden. – Der Erste Weltkrieg war für diese große Gesamtbewegung ein eminenter Einschnitt. Sie veränderte sich insofern, als nach 1918 die Bewegung politischer wurde und sich – auch durch den Einfluss des Dichters Stefan George, seines Gedichtbandes Stern des Bundes – die Bündischen nannte. In der Folge mussten sich deren Mitglieder mit einer aggressiven Einvernahme durch die Nationalsozialisten auseinandersetzen.  Wer Widerstand leistete, wie zum Beispiel die Edelweißpiraten, wurde gefoltert, kam ins Arbeitslager oder an die Front und musste beispielsweise als Minensucher über vermintes Gelände laufen, was oft den sicheren Tod bedeutete, wobei der Tod oft gnädiger war als grausam verletzt zu überleben.

Karl Marx, der m.E. vieles sehr einseitig gesehen hat, hat vier Formen der Entfremdung des Menschen in Bezug auf die Arbeit konstatiert und damit hier sicherlich Richtiges gesagt; er konstatierte

1. Die Entfremdung des Arbeiters vom Produkt seiner Arbeit; damit     einhergehend
2. Die Entfremdung des Arbeiters von seiner Arbeit; in der Folge
3. Die Selbstentfremdung des Menschen in der Lohn-Arbeit;
4. Die Entfremdung des Verhältnisses zwischen den Menschen,

Natürlich glorifizieren Volkslieder das Arbeitsleben zum Teil – auch die Handwerkerlieder tun das -, dennoch aber vermitteln sie zugleich ein Gefühl dafür, dass die Arbeit dennoch mehr als zum Leben dazugehörig empfunden wurde.

Lieder, die Arbeit thematisieren, sind z.B.

⤷  Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh und sehet den fleißigen Handwerkern zu …
⤷  Wer will fleißge Handwerker sehn, der muss zu den Kindern/Glasern/Malern gehn …
⤷  Die Leineweber haben eine saubere Zunft, harum di-dscharum-di-schrumm …

Ein typisches Handwerkerlied war

Es, es, es und es,
Es ist ein harter Schluß,
Weil, weil, weil und weil,
Weil ich aus Frankfurt muß.
Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn
Und wende mich, Gott weiß wohin.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Er, er, er und er,
Herr Meister, leb er wohl! : |
Ich sags ihm grad frei ins Gesicht,
Seine Arbeit, die gefällt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Sie, sie, sie und sie,
Frau Meisterin, leb sie wohl! : |
Ich sags ihr grad frei ins Gesicht,
Ihr Speck und Kraut, das schmeckt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Er, er, er und er,
Herr Wirt, nun leb er wohl! : |
Hätt‘ er die Kreide nicht doppelt g’schrieb’n,
So wär ich länger dageblieben.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Jungfern lebet wohl! : |
Ich wünsche euch zu guter Letzt
Ein Andern, der mein Stell ersetzt.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Brüder, lebet wohl! : |
Hab ich Euch was zu Leid getan,
So bitt ich um Verzeihung an.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Im Liederarchiv heißt es hierzu:

Das Lied der Wanderburschen Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss stammt aus dem 18. Jahrhundert; dem Deutschen Volksliedarchiv Freiburg zufolge sind um 100 Flugblätter mit dem Text bekannt. Von wem der Text ursprünglich stammt, ist nicht geklärt; wahrscheinlich entstand er in Kreisen wandernder Handwerksgesellen. Geht man von den Angaben der Mehrheit der online zugänglichen Archive aus, taucht die Melodie erstmalig 1826 auf. Zum ersten Mal in Druck sind Text und Melodie 1838 in Erk-Irmers Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen vertreten.

 

  • Die Bedeutung von Stille

Dem Thema der Stille, dem in der Literatur eine große und für unser Leben wichtige Bedeutung zukommt, auch in den Volkslieder, werde ich mich am 18. Dezember widmen und da auch kurz auf Lieder eingehen wie Nun ruhen alle Wälder, / Vieh Menschen Städt und Felder, Wenn in stiller Stunde / Träume mich umwehn … oder auch Abend wird es wieder, über Wald und Feld / säuselt Friede nieder und es ruht die Welt … – Natürlich sind in diesem Zusammenhang auch die Weihnachtslieder zu nennen, die auch zu den Volkslieder zählen.

Zu einigen weiteren Aspekten, wie zum Beispiel der Bedeutung der Musik sind wir leider nicht gekommen; ich möchte auch darauf verweisen, dass ich wahrscheinlich im kommenden Jahr auf vier ganz besondere Volkslieder eingehen möchte, die an diesem Abend nicht näher angesprochen werden konnten, dazu gehören das Abendlied von Matthias Claudius (Der Mond ist aufgegangen), das im Grunde eine ganze Philosophie im Kleinen enthält, oder auch Goethes Es war ein König in Thule, ein Lied mit einer Prägnanz und Symbolkraft, wie man sie selbst unter Volksliedern selten findet.

 

  • Volkslieder kann gewiss nicht jeder schreiben; sie zeigen oft eine hohe literarische Qualität

Ich möchte abschließend noch auf einen Punkt eingehen, den m. E. viele falsch sehen, indem oft davon ausgegangen wird, dass Volkslieder simpel sind, einfach strukturiert und ohne große literarische Qualität.

Das stimmt nicht!

Gerade Dichter wie Eduard Mörike lassen, wenn sie sich eines Volksliedtones befleißigen, erkennen, wie solch eine Art zu schreiben literarische Qualität besitzt; diese darf man auch vielen Volksliedautoren attestieren (viele wurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also in der Epoche der Romantik und des Vormärz geschrieben, also vor der März-Revolution, das betrifft z.B. viele Rheinlieder, die oft allerdings kein sonderlich hohes Niveau aufwiesen).

Selbst eine einfache Strukturierung zu gestalten, muss gekonnt sein, wenn in wenigen Worten ein Inhalt in den gegebenen Rhythmus passend eingefügt und gut erfasst werden soll. – Ein Dichter gerade von Liedern und Gedichten verdichtet einen Stoff. Und jene, die das in Bezug auf Volkslieder getan haben, waren immer wieder auch Könner auf ihrem Gebiet.

Bei einer genaueren Analyse lässt sich zudem feststellen, dass viele sogenannte rhetorische Mittel, also Mittel, die Redner und Schriftsteller verwenden, um Wirkung zu erzielen – wir finden sie in politischen Reden gerade im Dritten Reich genauso wie in Predigttexten eines Meister Eckehardt -, in Volksliedern gehäuft vorkommen. Ohne mich allzu sehr hineinzuknien, habe ich 19 gefunden. Dazu gehören die Verwendung von Alliterationen, wenn also relativ nah beieinanderstehende Worte den gleichen Anlaut aufweisen, wie das z.B. jener bekannte Werbespruch zeigt: Mars macht mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel (hier kommt noch die geschickte Verwendung des o-i-Vokalismus in mobil / Sport-Spiel hinzu)

In Volksliedern finden wir das z.B. in Weißt du wieviel Wolken gehen, weithin über alle Welt, (aus Weißt du wieviel Sternlein stehen ..) oder Salomonis Seide, Gottes Gaben, großer Gott, (alles aus Geh aus mein Herz und suche Freud) oder Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt (aus Der Mai ist gekommen) oder Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt (aus Guten Abend, gut Nacht).

Immer wieder auch finden sich Personifikationen; sie liegen vor, wenn unbelebte Gegenstände menschliche Eigenschaften erhalten, wenn also graue Nebel wallen oder die Traube strahlt (wie in Bunt sind schon die Wälder) oder Tische und Bänke sich vollsaufen (aus So geht es in Schnützelpütz Häusel) bzw. die Bäume ausschlagen bzw. die Quellen erklingen wie in Der Mai ist gekommen … – Solche Personifikationen appellieren erfolgreich an das Vorstellungsvermögen und geben den Gegenständen viel mehr Wucht bzw. Intensität. – Eine figura etymologica findet sich, wenn Wörter, die sich im Grunde aus dem gleichen Wortstamm ableiten in unterschiedlichen Wortarten auftreten, z B. Es klingt ein heller Klang (aus Das Lied vom Rhein, Max von Schenkendorff 1814). Immer wieder auch finden sich Binnenreime, also Reime inmitten einer Zeile wie und siehe, wie sie mir und dir, sich ausgeschmücket haben (aus Geh aus mein Herz und suche Freud) oder wo wir uns finden wohl unter Linden (aus Kein schöner Land in dieser Zeit). Und last but not least möchte ich noch Diminutive erwähnen, also Verniedlichungsformen, weil sie den Leser ganz leicht auf eine kindliche Ebene ziehen (Prinzchen, Schäfchen, Sternlein, Träumelein, Mücklein, Fischlein, Vöglein, Röslein, Gräslein, Zweiglein, Tröpflein,, Fünklein, Stündlein …)

Weder in der Werbung noch in Volksliedern registriert jemand, der diesen Mitteln ausgesetzt ist, sie bewusst, aber in seiner Seele hinterlassen sie Spuren, sozusagen tiefere Tonrillen; sie binden die Menschen an den gehörten Inhalt. Abgesehen von der Werbung greifen ja Autoren nicht unbedingt absichtlich zu solchen Mitteln wie sie z.B. in Paul Gerhardts Geh aus mein Herz und suche Freud sozusagen tonnenweise vorkommen, gleich am Anfang mit einer Ansprache an das eigene Herz – verbunden mit einem pars pro toto (Teil fürs Ganze), das Herz steht für den ganzen Menschen – das unterwegs sein möge und Freude suchen soll, was ein Herz normal nicht unbedingt tut …). Das aber erklärt, warum diesem Lied zu früheren Zeiten ein solcher Erfolg beschieden war.

Auf dem Hintergrund des oben Gesagten mag nachvollziehbar sein, dass die Texte von Volksliedern sehr oft eben keine Literatur zweiter Wahl sind. Hinzu kommen bei ihnen noch die Melodien, die in ihrer Einfachheit einen Charme entwickeln, der – zumindest in früheren Zeiten – Menschen in ihren Bann zogen. Aber auch hier liegt eine Einfachheit vor, die eine hohe Stimmigkeit zum Text hin entfaltet, man denke an Bunt sind schon die Wälder, Im schönsten Wiesengrunde und andere Lieder.

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Einen lieben Gruß zum Schluss noch an alle Leserinnen und Leser !